29. Mai 2016

Polizeisumpf Dessau-Roßlau


Mord an chinesischer Studentin: Sachsen-Anhalt droht neuer Justizskandal
Von Susan Bonath, Sebastian Carlens und Claudia Wangerin

Yangjie Li kam nach Deutschland, um zu lernen. Im fünften Semester studierte die junge Chinesin Architektur an der Hochschule Anhalt in Dessau. Vor knapp zwei Wochen wurde die grausam zugerichtete Leiche der 25jährigen in einem Gebüsch gefunden – am 11. Mai war Yangjie Li ermordet worden. Elfeinhalb Jahre nach dem Feuertod von Oury Jalloh in einer Gewahrsamszelle bahnt sich damit im Osten Sachsen-Anhalts ein neuer Justiz- und Polizeiskandal an. Im Fokus stehen wieder hochrangige Beamte und die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau.

Des Mordes verdächtigt wird ein junges Paar aus Dessau. Sebastian F. und Xenia I., beide 20, sollen Yangjie Li brutal missbraucht und erschlagen haben. Seit Dienstag sitzen sie in Untersuchungshaft. Dass neben sexuellen Motiven auch ein rassistisches Motiv hinter dem Verbrechen stecken könnte, ist nicht ausgeschlossen. Ein weiterer Verdacht: Die Familie des Verdächtigen F., seine Mutter und sein Stiefvater, hat möglicherweise versucht, die Ermittlungen zu behindern. Beide sind Polizisten: Der Stiefvater Jörg S. leitet das Polizeirevier Dessau-Roßlau. Die Mutter ist Beamtin bei der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost in Dessau.

Wie MDR und Mitteldeutsche Zeitung (MZ) berichteten, soll die Mutter freiwillig der Ermittlungsgruppe im Mordfall Li beigetreten sein. Dabei könnte sie Informationen manipuliert oder nach außen gegeben haben. Laut Bild vom Mittwoch haben Zeugen zudem beobachtet, wie Mutter und Stiefvater am Wochenende die Wohnung des Paares leergeräumt und ihm beim Umzug geholfen haben. Auch der Tatort des Mordes soll sich in diesem Haus befinden. Ein Auszug hätte, da das Gebäude wegen der Ermittlungsarbeiten gesperrt ist, gemeldet werden müssen.

Für den verfahrensführenden Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann ist das kein Grund, gegen die Polizistin und den Revierleiter zu ermitteln. Es bestehe »nicht der leiseste Hauch eines Anfangsverdachts«, hieß es am Donnerstag aus seiner Behörde. Bittmann ermittelt bereits seit Jahren erfolglos im Fall Oury Jalloh. Bis heute liegt der Verdacht nahe, dass der in einer Gewahrsamszelle fixierte Flüchtling im Januar 2005 von Dessauer Polizisten angezündet worden sein könnte.

Die Eltern von Yangjie Li haben eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Bittmann gestellt. Sie werfen ihm vor, dass er auf einer Pressekonferenz ungeniert die Version der mutmaßlichen Täter verbreitet hatte. Diese ist inzwischen durch abweichende Zeugenaussagen in Zweifel gezogen worden. Mit der Geschichte, Yangjie Li habe sich freiwillig mit ihren mutmaßlichen Mördern zum Sex getroffen, habe Bittmann das Ansehen ihrer Tochter beschmutzt.

Ist Bittmann befangen? Am Donnerstag hatte sich das Justizministerium dagegen verwehrt. Am Freitag schaltete sich die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt in Naumburg ein. Sie werde das Verfahren »eng begleiten«. Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad informierte am Freitag, er werde bis Montag deren Zuständigkeit überprüfen. Das Justizministerium hatte bereits die Ermittlungsarbeit von der Polizeidirektion Ost an die Direktion Süd in Halle übertragen.

Gegen die Polizeidirektion Ost geht Bittmann derweil mit einer Anzeige vor. Sie habe Dienstgeheimnisse gegenüber Medien verraten. Laut MDR geht es um entdeckte DNA-Spuren. Dies könnte Sebastian F. animiert haben, sich am Montag freiwillig bei der Polizei zu melden – ohne ein Geständnis abzulegen.

Laut Stefan Brodtrück, Sprecher des Landesinnenministeriums, prüft das Landeskriminalamt, ob die Mutter schon vergangene Ermittlungen gegen ihren Sohn behindert haben könnte. Laut MZ ging es dabei etwa um Brandstiftung. Auch im Oktober 2015 stand das Paar im Fokus der Justiz. Damals war ihr gemeinsames Kind verstorben. An der offiziellen Version »plötzlicher Kindstod« gab es Zweifel. Derzeit seien Stiefvater und Mutter krankgeschrieben. Das Ministerium prüfe ihre Versetzung aus Dessau.

Auf eine Nachfrage von jW zu den Vorwürfen reagierte Bittmann am Freitag bis zum Redaktionsschluss nicht. Damit muss eine weitere Ungereimtheit offenbleiben: Wer außer den Ermittlern hat Zugang zu den Facebook-Profilen der Tatverdächtigen? Im Laufe des Donnerstags wurden diese um Inhalte bereinigt. Ihre Inhaber sitzen allerdings in Untersuchungshaft – und haben keinen Internetzugang. hw

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen