30. Mai 2016

Kapovaz für Arme


Mit »Arbeit auf Abruf« laden Unternehmer Geschäftsrisiken hochflexibel auf die Beschäftigten ab. Die leben unsicher und prekär
Von Ralf Wurzbacher

Wird bei Toys’R’Us gerade nicht richtig Kasse gemacht, muss die Kassiererin zu Hause bleiben – und warten: darauf, dass es wieder mehr Kunden und etwas zu verdienen gibt. Bis zu 90 Prozent der in den 65 deutschen Filialen der US-Spielwarenkette tätigen Beschäftigten arbeiten in »flexibler Teilzeit«. Herrscht viel Betrieb, vor allem zu Weihnachten, müssen sie mitunter 30 und mehr Stunden in der Woche arbeiten. Geht es ruhiger zu, wie in den Sommerferien, können es auch nur ein paar Stündchen sein. Dann braucht es Bescheidenheit und Geduld. Denn sobald der Chef klingelt, müssen die Angestellten sofort auf der Matte stehen.

Wie die Zeitung Die Welt am Montag berichtete, sind in Deutschland bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen auf diese Art berufstätig. Die Zahl stammt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, und so wie es aussieht, könnte das Modell der nächste große Renner im Niedriglohnsektor werden. Zum Einsatz kommt es unter anderem beim Billigeinkleider Kik, bei Esprit und H&M. Auch überall dort, wo die Auslastung starken Schwankungen unterliegt, wie in der Gastronomie, im Tourismus oder auch im Pflegebereich, greift es immer mehr um sich.

Die offizielle Bezeichnung der Ausbeutermasche »Arbeit auf Abruf« lautet »kapazitätsorientierte variable Arbeitszeiten«, kurz Kapovaz. Das Modell verschafft dem Unternehmer maximale Flexibilität bei der Arbeitsorganisation und den Lohnabhängigen in aller Regel ein Leben auf Armutsniveau. Vergütet wird tatsächlich nur die faktische Arbeitszeit, die Zeit auf Abruf warten die Beschäftigten unbezahlt. Gleichwohl können sie sich keinen Zweitjob suchen, weil sie jederzeit damit rechnen müssen, zum Arbeitsplatz beordert zu werden. Am Monatsende haben die Betroffenen nicht nur wenig Geld – netto kommen selten mehr als 1.000 Euro zusammen. Auch würden das »Freizeitverhalten und die Gesundheit erheblich beeinträchtigt«, erklärte Nadine Absenger vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung am Montag gegenüber junge Welt.

Die Arbeitsrechtsexpertin verwies auf eine Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) aus dem vergangenen Jahr, wonach etwa jede zehnte unbefristet beschäftigte Teilzeitkraft auf Abruf arbeitet. Nach Daten des sozio-ökonomischen Panels von 2010 betraf Kapovaz damals schon jeden 20. abhängig Beschäftigten (5,4 Prozent). In vier von fünf Fällen hätte keine vertraglich festgeschriebene Mindeststundenanzahl bestanden. In Großbritannien laufen solche Verträge unter dem Label »Zero-Hour Contracts«, die insbesondere bei Fastfoodketten grassieren. Mitunter heißt es da schon mal: Null Arbeit, null Pfund – Pech gehabt.

Ganz soweit ist man hierzulande (noch) nicht. Bei fehlender Vereinbarung zum Arbeitsumfang gelten grundsätzlich mindestens zehn Stunden bezahlte Wochenarbeitszeit als gesetzlich verpflichtend. Außerdem müssen laut Teilzeit- und Befristungsgesetz Einsatzzeiten vier Tage im voraus festgelegt werden. Diese Vorgabe werde »in der Praxis aber oft nicht eingehalten«, gab Absenger zu bedenken. Besonders schwer treffe es dabei die sogenannten Minijobber, deren Lage »gleich doppelt prekär« sei. Zur fehlenden sozialen Absicherung und dem geringen Verdienst käme bei Kapovaz im Minijob noch die »Ungewissheit über Einsatzzeiten und die am Monatsende bezahlte Gesamtstundenzahl«.

Die WSI-Forscherin stellt die Darstellung, Arbeit auf Abruf wäre eine Umgehungsstrategie der Unternehmer angesichts der stärkeren Regulierung bei Leiharbeit und Werkverträgen, in Frage. »Die neuen Schutzvorschriften sind nicht so streng, wie immer behauptet wird, sie müssen nicht umgangen werden.« Für sie ist Kapovaz »ein hochflexibles Arbeitszeitmodell, das jegliches wirtschaftliche Risiko der nicht rentablen Beschäftigung auf Arbeitnehmer verschiebt und vor allem im verarbeitenden Gewerbe sowie in der Gastronomie, im Hotelgewerbe und im Einzelhandel genutzt wird«.

Aktuell gibt es sogar Bestrebungen seitens des Unternehmerlagers, die gesetzlichen Standards bei der Anwendung des Instruments weiter abzusenken. So wird im Positionspapier »Chancen der Digitalisierung« der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gefordert, die »Reaktionsfähigkeit für kurzfristige Arbeitszeitvolumen« zu erhöhen. Zum Beispiel soll dafür die viertägige Vorankündigungsfrist bei Arbeit auf Abruf gelockert werden. Absenger hielt dagegen: »Arbeit auf Abruf sollte nicht flexibilisiert, sondern beschränkt werden.« Allerdings stehe das Thema »derzeit nicht auf der politischen Agenda«.jw

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