29. Mai 2016

Ende des Widerstandes


Kurdische Rebellen haben sich aus belagerter Stadt Nusaybin im Südosten der Türkei zurückgezogen
Von Nick Brauns

Die kurdischen Zivilverteidigungseinheiten YPS haben ihren bewaffneten Widerstand in der im Südosten der Türkei gelegenen Stadt Nusaybin, die seit über 70 Tagen von der türkischen Armee angegriffen wird, aufgegeben. Dies diene angesichts der »maßlosen Angriffe« mit schweren Waffen dem Schutz der verbliebenen Zivilisten, erklärte die Generalkoordination der YPS am Donnerstag. Alle Kämpfer seien bis Mitte der Woche aus der Stadt abgezogen worden. Damit bestehe für die türkischen Sicherheitskräfte kein Grund mehr, Nusaybin weiter zu zerstören. »Jede Kugel, die ab dem 25. Mai vom türkischen Regime in der Stadt abgeschossen wurde und wird, ist eine auf unbewaffnete Zivilisten abgeschossene Kugel«, warnten die YPS vor drohenden Massakern der Einsatzkräfte.

Am Donnerstag hätten sich 42 »PKK-Terroristen« in Nusaybin den Soldaten ergeben, meldete die regierungsnahe Zeitung Daily Sabah. Nach Angaben der Bürgermeisterin von Nusaybin, Sara Kaya, handelt es sich in Wahrheit um evakuierte Zivilisten, darunter zehn Frauen und sieben Kinder, die nichts mit dem bewaffneten Widerstand zu tun haben. Von der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP) über das Internet verbreitete Bilder zeigen vor Panzerwagen auf dem Boden liegende, junge Menschen, die sich nackt ausziehen mussten.

Trotz des Rückzuges der YPS setzte die Armee ihre Operationen in Nusaybin fort. Bei einem Angriff seien ein Soldat und ein Polizist getötet und neun Mitglieder der Einsatzkräfte verwundet worden, meldeten regierungsnahe Medien am Freitag. Damit soll suggeriert werden, dass sich weiterhin bewaffnete Aufständische in der Stadt aufhalten, obwohl die Getöteten auch das Opfer einer Sprengfalle geworden sein könnten.

Mitte März wurde eine unbefristete Ausgangssperre über die direkt an der syrischen Grenze gelegene Stadt verhängt, die als Hochburg der kurdischen Befreiungsbewegung gilt. So erreichte die HDP hier bei den beiden Parlamentswahlen im vergangenen Jahr Rekordergebnisse von um die 90 Prozent. Mit Straßen- und Stadtviertelräten verwaltete sich die Bevölkerung selbst. Die unter dem Deckmantel der »Terrorismusbekämpfung« geführten Angriffe des türkischen Staates auf Nusaybin dienen nicht zuletzt der Zerschlagung der rätedemokratischen Strukturen.

Aufgrund des entschlossenen Widerstandes der aus der Jugendorganisation der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und Anwohnern gebildeten YPS gelang es den Einsatzkräften nicht, in alle mit Barrikaden und Sprengfallen gesicherten Stadtviertel einzudringen. Um eigene Opfer im Häuserkampf zu vermeiden, setzte die Armee daher auf systematische Zerstörung: Aus der Distanz wird die Stadt von Panzern und mit Artillerie beschossen. In den vergangenen Tagen flogen mehrfach F16-Kampfjets Angriffe auf Wohngebiete. Ganze Stadtviertel liegen in Ruinen. Der HDP-Abgeordnete Ali Atalan, der sich in Nusaybin befindet, beziffert die Zahl der zerstörten Wohnhäuser auf 8.000. Von den 80.000 Einwohnern seien 50.000 geflohen.

Es gäbe Pläne der Regierung, Teile der zerstörten Stadt im Landesinneren wieder aufzubauen, um so eine »befriedete« Zone zwischen Nusaybin und der direkt auf der anderen Seite der Grenze gelegenen Schwesterstadt Kamischli zu schaffen, warnt Ali Atalan. Bereits 2013 hatte die türkische Armee eine Mauer entlang der Grenze gebaut und den Übergang nach Kamischli geschlossen.

Nusaybin und Kamischli waren im Osmanischen Reich eine zusammenhängende Siedlung, viele Familien haben bis heute Angehörige auf beiden Seiten der Grenze. Doch mit der von Frankreich und Großbritannien vor 100 Jahren im Sykes-Picot-Abkommen vereinbarten und durch den Vertrag von Lausanne 1923 bestätigten Grenzziehung wurden die beiden Städte nördlich und südlich der Schienen der Bagdadbahn auf die Staaten Türkei und Syrien aufgeteilt.
jw

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