29. Mai 2016

»Die Mindeststandards sind nicht gewährleistet«


Griechenland: Flüchtlinge wurden nach Räumung der Zelte in Idomeni in staatliches Lager gebracht. Gespräch mit Ramona Lenz
Interview: Gitta Düperthal

Sie wollten in offizielle griechische Auffanglager gelangen, in die Flüchtlinge mit Bussen nach der am Donnerstag beendeten Räumung des Zeltlagers Idomeni verbracht wurden. Ist es Ihnen gelungen, sich ein Bild von den Zuständen dort zu machen?

Am Donnerstag bin ich gemeinsam mit einer Kollegin ins Lager Oreokastro in Thessaloniki gefahren, wo mehr als 1.000 Flüchtlinge untergebracht sein sollen. An den Polizeiposten am Eingang konnten wir uns zunächst vorbeimogeln, uns Einblick verschaffen und mit den Menschen dort reden – bis wir schließlich entdeckt und rausgeschmissen wurden. Die meisten Zelte sind in einer Lagerhalle aufgebaut, so dass zumindest nicht mehr zu erwarten ist, dass sie bei Regen im Matsch versinken wie in Idomeni. Aber der Platz in der Halle reicht nicht für alle. Deshalb sind Geflüchtete dort aktuell der Hitze und dem Wind ausgesetzt.

Wie ist die Situation vor Ort?

29 Grad waren es am Donnerstag, die Sonne brannte vom Himmel. Sechs bis acht Flüchtlinge sind in einem Zelt zusammen untergebracht, obgleich sie sich untereinander mitunter gar nicht kennen. Die Zelte sind so niedrig, dass man darin kaum aufrecht stehen kann. Vorschrift ist, je nach Außentemperatur pro Tag mindestens sieben bis 15 Liter Wasser pro Person zur Verfügung zu stellen, um duschen, saubermachen und kochen zu können. Diese Mindeststandards sind aber nicht gewährleistet. Wir sahen Leute mit leeren Kanistern aus dem Lager laufen, die außerhalb nach Wasser suchen.

Mit welcher Begründung wurden Sie rausgeschmissen?

Es gab keine. Wir waren im Eingangsbereich und sind zusammen mit einer Familie rausgeflogen, mit der wir uns unterhalten hatten. Die kam aus einem anderen Lager, wo die Zustände noch schlimmer sein sollen. Sie hatten sich selbständig auf den Weg gemacht, kamen aber in Oreokastro nicht rein, weil das Lager überfüllt sei.

Kann nicht jeder Geflüchtete das Lager frei betreten und verlassen?

Doch. Aber Neuankömmlinge, die mit Gepäck kommen, wurden abgewiesen – weshalb einige ihr Gepäck dann nach und nach, Stück für Stück, hereingeschafft haben.

Wie werden die Menschen versorgt?

Sie bekommen Essen und können sich auch mit Gaskochern selber etwas zubereiten. In den vergangenen Tagen vor der polizeilichen Räumung von Idomeni wurden sie aber quasi ausgehungert, damit sie in die Busse steigen und sich in andere Lager transportieren lassen. Insbesondere für Familien mit Kindern war es eine schwierige Situation.

Es ist eng und stressig, weshalb es mitunter zu Konflikten kommt. Zum Beispiel hat eine syrische Familie berichtet, sie sei mit ihrem Säugling auf dem Arm zum Behördentermin gegangen. Als sie zurückkam, seien ihre Schlafplätze im Zelt belegt gewesen. Sie hatten verzweifelt versucht, einen neuen Platz zu finden und einen Ansprechpartner gesucht. Niemand war zuständig.

Wie ist insgesamt die Stimmung in Oreokastro?

Unterschiedlich: Manche sind froh, im Zelt in der Lagerhalle zu sein und davon ausgehen zu können, dass zumindest eine gewisse Grundversorgung gegeben ist. Andere waren lieber frei und gänzlich unbetreut, als sich unter staatliche Obhut zu begeben. Vor allem für Geflüchtete, die schon länger im grenznahen Idomeni warteten, ist es ein Rückschritt. Sie hatten gehofft, von dort über die Grenze nach Mazedonien und weiter nach Deutschland oder Skandinavien zu kommen. Sie sind zermürbt, weil es nicht vorangeht. Sie wollen endlich irgendwo ankommen, wo sie ihr Leben weiter organisieren können. Statt dessen gibt es wieder nur eine Übergangslösung.

Kommt die Presse in die neuen offiziellen Lager rein, ist also freie Berichterstattung gewährleistet?

Wir haben von deutschen Journalisten gehört, dass es nicht geklappt hat. Sie hätten sich nur durch Zäune hindurch mit Geflüchteten unterhalten können.jw

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