30. Mai 2016

Bornierter gegen Freiheitskämpferin

Bornierter gegen Freiheitskämpferin
Von Mumia Abu-Jamal

Vor wenigen Tagen brachte der republikanische Senator Patrick Toomey aus Pennsylvania in einem offenen Brief seine Ablehnung gegenüber einem IT-Konzern zum Ausdruck. Das Unternehmen hatte auf der Startseite seines Webauftritts die vor zwei Jahren verstorbene Aktivistin Yuri Kochiyama gewürdigt, die am 19. Mai ihren 95. Geburtstag gehabt hätte. In ihrem langen und ereignisreichen Leben kämpfte Kochiyama an vielen Fronten, unter anderem auch für das Leben und die Freiheit dieses Kolumnisten. Vordergründig attackierte der Senator zwar Yuri Kochiyama, in Wahrheit aber wollte er mich treffen, als er schrieb: »Ich halte den heutigen ›Doodle‹ auf der Google-Homepage, der Yuri Kochiyama Anerkennung zollt, einer radikalen Aktivistin, die einen verurteilten Polizistenmörder unterstützte und Terroristen verteidigte, für völlig unangemessen.« Es zeigte sich jedoch, dass Toomey sein Ziel nicht erreichte, denn nach allem, was passiert ist, kann man sagen, dass er nur seinem eigenen Ruf geschadet hat.

Die Erklärung ist einfach: Senator Toomey hat versucht, das Andenken an eine Frau in den Schmutz zu ziehen, die im Bewusstsein vieler Menschen zu einer Legende geworden ist. Nicht Toomey, dieser mittelmäßige Politiker, der seine Karriere als Investmentbanker begann, hat eine Vorstellung davon, was Freiheit ist und zu welchem Preis sie manchmal erkämpft werden muss. Es war Yuri, die als junge Frau 1942 zusammen mit ihrer Familie wie etwa 120.000 andere Betroffene in US-Internierungslagern eingesperrt wurde, weil sie in einer chauvinistischen weißen Nation des »schlimmen Verbrechens« beschuldigt wurde, japanischer Herkunft zu sein.

Nach dem Krieg heiratete sie ihren Mann Bill Kochiyama und wurde zusammen mit ihm aktiv in der Bürgerrechtsbewegung, um auch für schwarze Kinder soziale Gerechtigkeit einzufordern. Sie schloss sich der Freiheitsbewegung der Schwarzen an. Und in einem sehr berührenden Augenblick der Geschichte dieser Bewegung war sie es, die nach dem Attentat auf Malcolm X im Februar 1965 auf der Bühne des Audubon Ballrooms in Black Harlem auf dem Boden hockte und seinen Kopf hielt, als er in seinen letzten Atemzügen lag.

Ihr Leben lang unterstützte Yuri viele Befreiungsbewegungen, so auch die Kampagne für diesen Kolumnisten. Denn wer könnte besser für die Freiheit kämpfen als jene, die schon am eigenen Leib erfahren mussten, was es heißt, sie zu verlieren? Wenn sie am Stacheldraht des Internierungslagers inmitten der ausgemergelten Wüstenei stand, in der es errichtet worden war, und die bewaffneten Wärter sah, dann dachte sie an eine andere Zeit in ihrem Leben zurück. Schon als Kind, in einem Alter, in dem andere Mädchen noch mit Puppen oder Kuscheltieren spielten, hatte sie das alte patriotische Lied gesungen: »Mein Land, es ist von dir, dem süßen Land der Freiheit, von dem ich singe …«. Diese sensible junge Frau war eine Bürgerin der USA, wurde in den USA geboren. Aber sie sah sich von Angst und Hass gezeichneten Gesichtern bewaffneter US-Soldaten gegenüber, die sie gefangengehielten. Schlimmer noch waren die vom Hass verzerrten Gesichter fanatischer rechter Politiker, die solche grausamen Internierungslager möglich machten.

Am Ende müssen wir uns die Frage stellen: Wer sollte eher geehrt werden, Yuri Kochiyama, die zeit ihres Lebens eine Freiheitskämpferin war, oder Patrick Toomey, ein bornierter Republikaner, der zum eigenen politischen Vorteil mit der Angst der Menschen spielt? Die Antwort fällt leicht: Wir lieben Yuri Kochiyama. jw

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