6. Februar 2016

»Zu befürchten ist der gläserne Mensch«


Die Abschaffung des Bargeldes würde auf den totalen Überwachungsstaat hinauslaufen. Ein Gespräch mit Bruno Kramm
Interview: Gitta Düperthal

Was sagen Sie dazu, dass die Bundesregierung eine Obergrenze von 5.000 Euro im Bargeldverkehr einführen will – und der Deutsche-Bank-Chef John Cryan prognostiziert, In zehn Jahren sei das Bargeld sowieso verschwunden?

Logisch, dass dies den Banken ebenso gefällt wie dieser an staatlicher Überwachung interessierten Regierung: Wenn Geld nur noch digital oder über Bankkarten transferiert wird, lässt sich der Bürger nahezu lückenlos überwachen. Mit dem bereits auch für Privatpersonen eingeführten europaweiten SEPA-Verfahren mit den langen vereinheitlichten Kontonummern ist der internationale Zahlungsverkehr komplett kontrollierbar – sogar für US-amerikanische Geheimdienste. Hinzu kommen die Vorratsdatenspeicherung, also die »Mindestspeicherfrist« der Telekommunikationsverbindungen aller Bundesbürger »auf Vorrat«, ohne konkreten Anlass, sowie die Bestandsdatenauskunft an Behörden zu E-Mails. Der Staat weiß genau, wann du was kaufst und was du tust. Von jeder Person können Profile erstellt werden.

Was spricht aus Ihrer Sicht noch gegen bargeldlosen Zahlungsverkehr?

Der Chaos Computer Club hat beim Hackerkongress Ende 2015 in Hamburg Sicherheitslücken der heutigen Bankkarten demonstriert. Sie sind zu fälschen, zu kopieren, jeder kann Schindluder damit treiben, beispielsweise Beträge auf das eigene Konto umleiten. Nur Bargeld bietet Sicherheit vor Missbrauch von Kontodaten und illegalen Geldtransfers.

Wäre insbesondere für Arme bargeldloser Handel ein Problem, etwa für Flaschensammler?

Er verschärft die Zwei-Klassen-Gesellschaft insgesamt: Einer meiner Freunde war lange erwerbslos, auf Hartz IV angewiesen, verschuldet: Keine Chance, ein Konto zu eröffnen! Ganze Branchen trifft es: Den Kleinkunsthandel, den Flohmarkt, Nachtlokale zahlen bislang tingelnden Bands nach dem Auftritt Bares aus der Abendkasse. Denken Sie an ältere Menschen; meine Mutter besitzt keinen Computer, betreibt kein Online-Banking, alles läuft mit Bargeld. Andere wollen bewusst nicht mit der Finanzindustrie kooperieren, weil sie keine Kontrolle über ihr Geld wollen.

Streben Banken an, Bürger ohne Bares noch abhängiger von sich zu machen; etwa um profitabler Negativzinsen einführen zu können?

Ja. Banken haben großes Interesse an der Entwicklung. Sie verdienen an jedem Geldtransfer, sie können Kunden besser überwachen. Erschreckend ist, dass nun ausgerechnet ein Instrument des Kapitalismus, das Bargeld, dem Bürger quasi noch dient, ein Stück Freiheit zu bewahren! An der Situation in Griechenland war zu sehen, wie erpressbar Menschen im Krisenfall werden. Jeder Grieche durfte pro Tag nur 50 Euro seines Ersparten abheben: Kann ich noch tanken, oder muss ich davon zu essen kaufen?

Der griechische Ex-Minister Gianis Varoufakis ist für die Bargeldabschaffung. Reiche könnten dadurch am Transfer ihres Geldes ins Ausland gehindert werden und es könne im Krisenfall panikartiges Abheben vermieden werden. Wie sehen Sie das?

Diese Argumente teile ich nicht. Reiche haben stets die Chance, mit Hilfe von Rechts- und Finanzberatern ihr Geld rechtzeitig zur Seite zu schaffen. Die Kleinsparer wird es erwischen.

Was halten Sie davon, wenn die Bundesregierung den Kampf gegen den Terror als Argument bemüht, um Bargeld abzuschaffen?

Die Ausrede ist lachhaft. Terroristen, die im großen Stil Waffen kaufen, sind so nicht zu stoppen. Sie handeln im Zweifelsfall mit allem: US-Dollars, Drogen, Diamanten, Edelmetallen, Rohstoffen – was auch immer! Die Bundesregierung muss vielmehr Konzerne wie Heckler & Koch hindern, Rüstungsprodukte zu liefern, die in Krisenregionen gelangen. Und sie muss per Gesetz den Waffenhandel verbieten. Mit einer Bargeldeinschränkung ist hier nichts auszurichten.

Nähern wir uns einer Totalüberwachung? Kameras auf den Straßen, die elektronische Gesundheitskarte, digital überwachter Zahlungsverkehr?

Es ist in der Tat möglich, dann Bewegungsprofile zu erstellen. Zu befürchten ist nicht nur der »gläserne Mensch«, sondern jeder wird vorhersehbar und programmierbar. Es wird Erhebungen dazu geben, was ein Mensch als nächstes tun wird. Schon heute zeigt der Computer Werbung, die so auf dich zugeschnitten ist, dass sie zu dem passt, was du wollen könntest.
jw

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