11. Februar 2016

»Wir werden weiterhin keine Ruhe geben«


Seit 2001 findet freitags in Bremen-Nord eine Kundgebung gegen den Krieg statt. In dieser Woche zum 700. Mal. Gespräch mit Gerd-Rolf Rosenberger
Interview: Gitta Düperthal

Jeden Freitag demonstriert die Initiative »Nordbremer Bürger gegen den Krieg« und diskutiert politisch brisante Themen. Bei der heutigen 700. Friedenskundgebung soll Integration in unsere Gesellschaft auf besondere Weise thematisiert werden – mit welchem Schwerpunkt?

Der Psychotherapeut Manfred Polewka wird uns in gewisser Weise den Spiegel vorhalten: Ist es möglich, neue Mitbürger in eine Gesellschaft zu integrieren, die hierzulande selbst so viele Menschen ausschließt? Wie also könnte die Integration zu uns Geflüchteter in Solidarität möglich werden sowie zugleich die derjenigen, die sich schon lange hierzulande nicht integriert fühlen? Der Bremer Pastor Volker Keller, Mitgründer unserer Initiative, wird sprechen; wie damals schon bei unserer ersten Kundgebung am 9. November 2001 gegen den Afghanistan-Krieg und später bei unserer spontan organisierten Friedenskundgebung am 20. März 2003, als die USA und deren NATO-Verbündete den Irak mit einem verbrecherischen Angriffskrieg überzogen. Heute ist er in der Willkommenskultur Bremen-Nord aktiv.

Wie hat alles angefangen?

Am 30. Oktober 2001 haben zwölf Freundinnen und Freunde unsere Initiative gegründet – um nur eine Kundgebung gegen den Krieg zu organisieren: am 9. November, dem Tag der Novemberrevolution 1918, als Karl Liebknecht die »freie sozialistische Republik Deutschland« ausrufen wollte, sowie der späteren Reichspogromnacht, als 1938 die Synagogen angezündet wurden. Weil 80 Menschen kamen, haben wir zwei weitere Kundgebungen nachgeschoben. Dann war klar: Wir werden Friedenskundgebungen in Nordbremen solange weiter abhalten, bis es keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr gibt. Zusammen mit mir aktiv ist auch heute noch Ludwig Schönenbach, ehemals Politiker von Bündnis 90/Die Grünen.

Die Initiative lädt oft Referenten zu Themen ein wie »Mit Waffenlieferungen gegen den ›Islamischen Staat‹«, »Die USA nach Obama« oder »Der Krieg gegen Syrien: Von langer Hand geplant…«. Welche Debatten führen am offenen Mikrofon zu besonders reger Teilnahme?

Heftig diskutiert sind Angriffskriege, in die der Westen involviert ist: Afghanistan, Irak, Libyen, Palästina, Kurdistan, Jemen, Libanon, Syrien, etc. Das Thema Kobani setzen wir in Solidarität mit unseren Freunden in Nordbremen, die mit der PKK sympathisieren, auf die Tagesordnung. Sie bitten uns, am Thema dranzubleiben und Geldspenden zu sammeln. Wir bringen auch Winterkleidung, und was sonst benötigt wird, zu einer Initiative, die dies dorthin transportiert.

Wie breit ist die Themenvielfalt?

Wir bringen auch Dinge zur Sprache, die dem sozialen Frieden abträglich sind wie Ausbeutung und Unterdrückung; Atomkraftwerke, Hunger in der Welt – hierzulande zum Beispiel Erwerbslosigkeit, Hartz IV, kleine Renten, Armut. In unserer Initiative gibt es Menschen, denen es finanziell nicht gut geht. Wir diskutieren Ursachen der Flucht und wie wir uns in den Flüchtlingseinrichtungen engagieren können.

Auch prominente Redner waren schon bei Ihnen …

Gesprochen haben bei uns unter anderem: der Theologe Eugen Drewermann, die inzwischen verstorbene Friedensaktivistin Dorothee Sölle, der Anwalt Heinrich Hannover, der Schauspieler Rolf Becker, Rolf Verleger, ehemaliges Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, die Linken-Politikerinnen und Politiker Ulla Jelpke, Inge Höger, Sahra Wagenknecht und Wolfgang Gehrcke, etc. Kürzlich hat der Chefredakteur der junge Welt, Arnold Schölzel, über das Thema »71. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee« geredet. Das hatte junge Flüchtlinge aus einer Unterkunft in der Nähe interessiert, die wir vorher hier noch nie gesehen hatten. Wir werden weiterhin in Nordbremen keine Ruhe geben. Jeden Freitag werden wir hier stehen – als Stimme für den Frieden.
jw

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