11. Februar 2016

Von der Ostsee zur Adria


Polen will Regionalmacht werden – mit Unterstützung aus London und Washington
Von Reinhard Lauterbach, Nekielka

Als der neue polnische Außenminister Witold Waszczykowski neulich im Sejm seine erste Regierungserklärung vortrug und ankündigte, nicht mehr Berlin, sondern London solle künftig Polens Wunschpartner in der EU sein, zogen selbst seiner Partei wohlgesonnene Kommentatoren die Augenbrauen hoch. Warum will der Mann in die Beziehung zu einem Land investieren, das gerade auf dem besten Weg ist, die EU zu verlassen, und das überdies in seiner Geschichte nur eine außenpolitische Konstante besitzt, nämlich eine Politik wechselnder Allianzen? Dafür, dass Warschau die britische Karte spielt, sind weniger historische Sentimentalitäten maßgeblich. Die werden zwar nach außen beschworen, so etwa der gemeinsame Kampf gegen Nazideutschland. Obwohl, bei Licht betrachtet, die Briten die Polen gerne dort ins Feuer schickten, wo hohe Verluste drohten, etwa bei Monte Cassino in Italien 1944. Vielmehr ist die Vorstellung, die sich der britische Premier David Cameron von der EU macht, mit der polnischen Konzeption weitgehend identisch: Europa solle eine Freihandelszone bleiben, politisch aber ein Verbund souveräner Nationalstaaten, denen Brüssel möglichst wenig hereinzureden habe.

Tatsächlich schätzt Polen an Großbritannien eine latente politische Seelenverwandtschaft. So wie sich die britischen Eliten nach wie vor mental nicht völlig mit dem Verlust des Empire abgefunden haben und mit ihren eigenen Atomstreitkräften nach wie vor Weltmacht spielen, träumt auch das Polen der PiS davon, eine alte Konzeption des Staatsgründers Józef Pilsudski aus der Zwischenkriegszeit wiederzubeleben: Das »Intermarium«, einen Einflussbereich von der Ostsee bis – wahlweise – zum Schwarzen Meer oder zur Adria. Polen würde in diesem Streifen, der von Estland im Norden über Tsche­chien, die Slowakei und Ungarn bis nach Kroatien und Rumänien im Süden reichen soll, schon durch seine Größe eine zwangsläufige Führungsrolle spielen – und die antirussische Orientierung dieser Staaten sicherstellen, wohlwollend gefördert von Washington und eben London. Dafür, dass in den USA solche Pläne – einstweilen diskret – geschmiedet werden, spricht eine um den Jahreswechsel erschienene Analyse des wohlvernetzten Prognoseinstituts Stratfor. Darin wird den genannten Staaten vorausgesagt, dass sie sich angesichts ihres absehbaren Bevölkerungsrückgangs zusammenschließen müssten, um nicht dem Druck Russlands zu erliegen.

Diese auf den ersten Blick phantastische Konzeption stößt sich in der Praxis an fortbestehenden nationalen Animositäten. Litauen etwa lässt sich zwar an Russenfeindlichkeit von niemandem übertreffen, aber die Litauer mögen die Polen noch weniger als die Russen und wünschen sich keinerlei regionale Führungsrolle Warschaus. Das hat damit zu tun, dass Polen in der Zwischenkriegszeit die litauische Hauptstadt Vilnius besetzt hielt, und dass in der Spätphase der Sowjetunion die polnische Minderheit im Land lieber in der Union geblieben wäre, als unter die Herrschaft der litauischen Nationalisten zu kommen. Auch andere Wunschpartner Polens sind zurückhaltend. Tschechien zählt – zum Entsetzen der polnischen Presse – in der EU zu den Ländern, die auf eine Aufhebung der antirussischen Sanktionen drängen. Ungarn ist der Kaczynski-Partei zwar wegen seiner autoritären Innenpolitik lieb und teuer, setzt aber ebenfalls auf ein halbwegs entspanntes Verhältnis zu Moskau, in der Slowakei ist es ähnlich. Warschauer Versuche, als Keimzelle künftiger regionaler Hegemonie die »Vysehrad-Gruppe« – einen in den neunziger Jahren entstandenen regionalen Verbund mit Tschechien, der Slowakei und Ungarn – wiederzubeleben, sind deshalb bisher ohne größeren Widerhall geblieben.
jw

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