15. Februar 2016

Viel Strom und viel strahlender Müll


Deutschlands größtes Atomkraftwerk Gundremmingen gilt als besonders gefährlich
Von Reimar Paul

Nahe Gundremmingen im schwäbischen Landkreis Günzburg steht an der Donau Deutschlands größtes Atomkraftwerk. Die beiden Reaktorblöcke B und C – Block A wurde bereits 1977 nach einem schweren Unfall vom Netz genommen – lieferten im vergangenen Jahr rund 20,3 Milliarden Kilowattstunden Strom. Mit rund zwei Tonnen produzierte die Anlage bis heute so viel radioaktiven Schrott, dass damit rechnerisch die gesamte Bevölkerung der Erde umgebracht werden könnte. Kein einziges Kilo davon ist bislang entsorgt.

Außerdem haben der in Augsburg ansässigen Bürgerinitiative »Forum« zufolge zwei Störfälle allein 2015 gezeigt, dass die Reaktoren abgenutzt sind und sich gefährliche Arbeitsfehler häufen. So habe die Werksleitung bis heute nicht darüber informiert, warum im März beim Versuch, die Druckluftversorgung des gerade heruntergefahrenen Blocks B zu drosseln, die für die Betriebssicherheit existentielle Druckluftbereitstellung für den laufenden Reaktor C ausgeschaltet wurde. Auch sei bislang nicht aufgeklärt, wie es im November beim Transport eines Brennelementes innerhalb des AKW zum Abriss des Elementkopfes kommen konnte, kritisierte Forum-Sprecher Raimund Kamm vergangene Woche in einer Erklärung. Immerhin hat der Bayerische Landtag kürzlich beschlossen, dass die Aufsichtsbehörde zu dem Zwischenfall im Parlament einen Bericht abgeben muss.

Die Blöcke B und C in Gundremmingen sind seit 1984 am Netz und die letzten zwei von ehemals zehn Siedewasserreaktoren in der Bundesrepublik. Beide sind in den Bilanzen seit etwa 2004 abgeschrieben. Sie haben nur deshalb noch eine Betriebsgenehmigung, weil bei der Neufassung des Kerntechnischen Regelwerks (KTR) von Bayern Ausnahmen für dieses AKW durchgesetzt wurden. Siedewasserreaktoren haben, anders als Druckwasserreaktoren, nur einen Kühlwasserkreislauf, ihre Abklingbecken werden auch nicht durch einen Sicherheitsbehälter geschützt. Damit sei Gundremmingen »das gefährlichste AKW Deutschlands«, bilanzierte Kamm.

Alle anderen baugleichen Anlagen mussten nach dem Super-GAU im japanischen AKW Fukushima im März 2011 abgeschaltet werden. Dem Atomausstiegsbeschluss gemäß sollen die Kraftwerksblöcke B und C in Gundremmingen noch bis 2017 bzw. 2021 betrieben werden. »Bayern klammert sich an das AKW, weil das Land jahrzehntelang auf eine falsche Energiepolitik gesetzt hat«, meint der Aktivist Jan Becker, der jahrelang die Webseite »contrAtom.de« betrieb und seit November 2014 für www.ausgestrahlt.de schreibt. Das sei »Kalkül zu Lasten der Sicherheit der Menschen in Deutschland und den angrenzenden Ländern«, kritisiert er. Gundremmingen müsse wegen der massiven Defizite »sofort stillgelegt werden«.

Ungeachtet des Weiterbetriebs von Gundremmingen (wo 192 Castor-Stellplätze geplant sind), sieht der Verein »Forum. Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik« auch Anlass zur Freude. Die Initiative weist darauf hin, dass der von der Industrie herbeigeredete weltweite Aufschwung der Atomkraft auch 2015 ausgeblieben ist. Nach den Statistiken der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA in Wien waren Ende Dezember 441 Atomreaktoren am Netz – exakt so viele wie fünf Jahre zuvor.

Gleichzeitig gewinnt die Nutzung regenerativer Energieträger allen Bremsversuchen der Bundesregierung und anderer Länder zum Trotz an Terrain. Weltweit wurden 2015 im ersten Halbjahr 21.700 Megawatt »Windkraftleistung zugebaut« – deutlich mehr als in den Vorjahren.
jw

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