9. Februar 2016

»Verstrahlter Müll bleibt immer gefährlich«


Atomkraftgegner verabredeten am Wochenende Aktionen für das kommende Jahr. Sofortiger Ausstieg Kernforderung. Gespräch mit Wolfgang Ehmke
Interview: Gitta Düperthal

Der Streit um die Nutzung der Atomkraft und die Frage, wie mit radioaktivem Müll umzugehen ist, sind keinesfalls beendet, so das Fazit der 8. Atommüllkonferenz in der Volkshochschule Göttingen am Wochenende. Wie ist die aktuelle Lage aus Sicht der Aktivisten?

Die rund 80 Atomkraftgegner aus bundesweit aktiven Initiativen kritisierten, dass CDU/CSU, SPD und Die Grünen das Thema der nuklearen Gefährdung durch Atomkraftwerke hierzulande offenbar für erledigt halten. In Deutschland sind noch acht am Netz, die bis 2022 den Betrieb einstellen sollen; die Brennelementefabrik Lingen und die Urananreicherungsanlage Gronau sind vom Ausstieg ausgenommen. Dagegen wehren wir uns jetzt; da in wenigen Wochen die Jahrestage der Reaktorkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima anstehen: Die eine hat sich vor 30 Jahren ereignet, die andere jährt sich zum fünften Mal. Noch immer existiert eine Sperrzone rund um Tschernobyl. In Fukushima werden unterdessen Menschen zur Rückkehr in die verstrahlten Gebiete genötigt, die japanischen Atomkraftwerke sollen sukzessive wieder ans Netz gehen. Auch europaweit ist der Ausstieg kaum Thema. Insbesondere kämpfen wir dagegen an, dass mit EU-Subventionen im britischen Hinkley Point ein neues Kraftwerk errichtet werden soll; allein dessen Bau soll 33,7 Milliarden Euro verschlingen. 441 Atomkraftwerke sind weltweit am Netz.

Welche Aktionen sind in den kommenden Wochen geplant?

Zu den beiden Jahrestagen wird es im März und April viele Aktionen, Veranstaltungen und Demonstrationen geben. Wir werden uns nicht mit Gedenken begnügen, sondern fordern zeitgemäß den sofortigen Atomausstieg sowie, diesen im Grundgesetz festzuschreiben. Leider kann die Antiatombewegung dabei im gesamten etablierten Parteienspektrum nicht mit Unterstützung rechnen – mit Ausnahme der Partei Die Linke. In Dannenberg treffen wir uns weiterhin jeden Montag um 18 Uhr auf dem Rathausplatz zur Mahnwache, im März werden wir dort auch demonstrieren. Im Rahmen einer kulturellen Landpartie werden wir in Gorleben wieder den Widerstand proben – im vergangenen Jahr haben daran 8.000 Menschen teilgenommen.

Jahrelang wurde im Wendland gegen Gorleben demonstriert, nun sollten alle gemeinsam die Aufgabe des dortigen Salzstocks einfordern, so eine Kernaussage der Konferenz. Aber wohin dann mit dem Müll? Keiner will ihn in seiner Nachbarschaft, und gegen Castortransporte sind die Proteste heftig …

Alle Initiativen plädieren dafür, den Müll dort zu lassen, wo er angefallen ist. Die Devise lautet: Nichts rein, nichts raus. Im Salzstock in Gorleben selber lagert kein Müll; er ist dort oberirdisch in Castoren zwischengelagert: Wo er aus unserer Sicht bleiben muss, bis eine irgendwie geartete »Lösung« gefunden wird. Freilich glauben wir nicht daran, dass dies abschließend möglich ist. Denn genau das ist ja das Problem: Verstrahlter Müll bleibt überall und immer gefährlich. Also muss auch das Salzbergwerk Gorleben aus der Liste der vermeintlichen Endlager gestrichen werden. Der einzige Fortschritt kann der sofortige Atomausstieg sein. Die vorgeschobene Sorge, es könnten Stromengpässe entstehen, ist längst widerlegt. Deutschland ist diesbezüglich Exportland und besitzt ihn im Überschuss; was mit dem Siegeszug der umweltverträglichen Energiegewinnung aus erneuerbaren Ressourcen zu tun hat.

Waren auch die Castortransporte Thema?

Transporte aus Jülich und Garching sollen ab dem Jahr 2017 ins westfälische Ahaus gehen. Dies akzeptieren wir nicht. Diese beiden sogenannten Forschungsanlagen in Jülich und Garching haben die verdammte Pflicht, von ihnen produzierten Müll wieder abzureichern – ihn nicht etwa unter dem Deckmantel der Forschung sogar in die USA zu verbringen. Wir werden uns im Herbst deshalb wieder zu Blockaden verabreden und in Aktion treten.

Kommen die Antiatom­initiativen in die Jahre – fehlen beispielsweise junge Leute, weil die die Historie des langen Kampfs im Wendland nicht mitbekommen haben?

Freilich müssen wir uns damit beschäftigen, die Geschichte der Kämpfe seit den 1970er Jahren auch jungen Aktivisten zu vermitteln. Aber sie kommen stets zu unseren Aktionen – dann ist zu merken: Leider ist die Geschichte noch Gegenwart. Sie hat sich nicht erledigt, so wie es die etablierten Kräfte behaupten.
jw

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