5. Februar 2016

»Verbot der Prostitution wäre gefährlicher Irrsinn«



Kritik der AIDS-Hilfe: Geplantes Gesetz drängt das Sexgewerbe in die Illegalität. Ein Gespräch mit Marianne Rademacher
Interview: Markus Bernhardt

Die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD hat sich in dieser Woche auf ein sogenanntes Prostituiertenschutzgesetz geeinigt. Die Deutsche AIDS-Hilfe und auch Berufsverbände der Sexarbeiterinnen und -arbeiter lehnen es ab. Warum?

Ganz einfach: Weil es nicht dem Schutz von Prostituierten dient, sondern ihnen schadet. Die Bundesregierung erzeugt damit lediglich Scheinsicherheiten. Zwangsprostitution wird das Gesetz nicht verhindern, sondern eher fördern. Die kriminellen Hintermänner des Menschenhandels werden die ersten sein, die die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, damit ihr Geschäft nicht auffliegt. Darüber hinaus zeigen alle Erfahrungen aus mehr als drei Jahrzehnten HIV-Prävention eindeutig: Kontrolle und Repression drängen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in die Illegalität, so dass Hilfsangebote sie nicht mehr erreichen. Freiwillige und anonyme Angebote zur Beratung und Unterstützung hingegen werden gerne angenommen.

Welche Folgen fürchten Sie bezüglich der von den lokalen AIDS-Hilfen geleisteten Präventionsarbeit?

Die mit der Anmeldepflicht verbundene Zwangsberatung könnte das Vertrauen in Beratungs- und Hilfsangebote allgemein unterhöhlen. Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter werden aus Angst vor Sanktionen und Stigmatisierung von der Bildfläche verschwinden und im verborgenen arbeiten. So wird es schwieriger, ihnen überhaupt noch Angebote zu machen. Ihre sozialen und gesundheitlichen Risiken erhöhen sich damit drastisch. Das betrifft vor allem Menschen, die ohnehin besonders gefährdet sind: sehr junge und jene, die auf der Straße arbeiten.

Manchen Feministinnen und auch Teilen der Linkspartei geht selbst dieses Gesetz nicht weit genug. Sie fordern mitunter sogar ein komplettes Prostitutionsverbot. Was würde Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern dann drohen?

Sie würden komplett in die Illegalität gedrängt. Gewalt, soziale Verelendung und gesundheitliche Probleme wären die Folgen. Kunden oder Menschenhändler könnten sie noch leichter erpressen. Immer nach dem Motto: Wenn du nicht tust, was ich sage, fliegst du auf. Wer ins Abseits gedrängt wird, ist immer anfälliger für HIV und Geschlechtskrankheiten. Über die Kunden würden Infektionen dann auch verstärkt in die breite Bevölkerung getragen. Kurz: Ein Prostitutionsverbot wäre gefährlicher Irrsinn.

Wenn es den Frauen schadet: Warum fordern dann ausgerechnet Feministinnen härtere Gesetze?

Manche Feministinnen lehnen Prostitution grundsätzlich ab, weil sich die Frauen damit in ihren Augen zur Ware degradieren. Das ist eine realitätsferne Haltung. Denn zum einen haben Menschen ein Recht, sich für diese Tätigkeit zu entscheiden. Die Mehrheit der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter übt diesen Beruf freiwillig aus. Zum anderen ist das älteste Gewerbe der Welt ohnehin nicht totzukriegen – und dann sollten die Bedingungen doch bitte an den Bedürfnissen der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter ausgerichtet sein.

Ist es nicht besonders perfide, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter pauschal zu Opfern zu erklären und sie sogar mit Berufsverboten belegen zu wollen?

Es entmündigt und gängelt sie. Dahinter steht eine moralkonservative Haltung. Das vorliegende Gesetz geht in die gleiche Richtung: Es gibt keinen anderen Beruf, in dem es dermaßen viele Auflagen gibt wie in der Sexarbeit. Jüngere Frauen werden mit strengeren Auflagen getriezt, obwohl sie als Volljährige nicht anders behandelt werden dürfen als andere. Der Deutsche Juristinnenbund hält das für verfassungswidrig.

In Sachen Sexualität ist ein gesellschaftliches Rollback zu beobachten. Hat dies auch Einfluss auf die Prostitutionsdebatte?

Dieses Gesetz ist das beste Beispiel dafür. In Gesellschaft, Politik und Medien werden konservative Stimmen immer lauter. Was ihnen nicht gefällt, möchten sie gesetzlich regulieren oder schlicht verbieten. Das ist weder zulässig noch wirksam. Bezüglich der Prävention von HIV und Geschlechtskrankheiten steht Deutschland im europäischen Vergleich hervorragend da – gerade weil wir relativ offen mit Sexualität umgehen und die Menschen nicht bevormunden, sondern stärken. Diese Erfolge werden nun leichtfertig aufs Spiel gesetzt.
jw

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