16. Februar 2016

Veräußerung des Innersten


Krankenkassenchef will digitale Gesundheitsdaten nutzbar machen. Kritiker warnen vor gläsernen Patienten und lukrativen Datengeschäften
Von Ralf Wurzbacher

Jens Baas ist ein technikaffiner Gesundheitsfreak. Beim Telefonieren in seinem Hamburger Büro wetzt er vor lauter Bewegungsdrang den Boden blank. Laut Süddeutscher Zeitung (SZ) misst der Vorstandsvorsitzende der Techniker-Krankenkasse (TK) mit seiner Apple-Watch alles, was sein Körper an Daten ausspuckt: Schrittzahl, Temperatur, Blutdruck, Pulsfrequenz – bei Tag und bei Nacht. Machten das alle so, ginge es Deutschland besser, glaubt Baas und ist sich sicher: »Jeder von uns wird so ein Gerät haben.« Kommt Zeit, kommt Fortschritt.

Nach einer aktuellen Studie des IT-Verbands Bitkom nutzen heute bereits 31 Prozent der Bundesbürger ab 14 Jahren sogenannte Fitnesstracker zur Aufzeichnung von Vitalwerten. Das »größte Potential« der Technologie liege in der »Prävention von Krankheiten und in der medizinischen Versorgung von Patienten«, meint Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. So äußerten 75 Prozent der Befragten ihre Bereitschaft, im Krankheitsfall die per Fitnessarmband, Smartphone oder Smartwatch (sog. Wearables) gewonnenen Daten an den Arzt zu übermitteln, unter chronisch Kranken wären es sogar 93 Prozent.

Bei so viel »Unverschlossenheit« eröffnen sich ganz neue Geschäftsfelder. Vor 14 Monaten machte die Generali-Gruppe als erster großer Privatversicherer in Europa mit dem Modell von sich reden, Freizügigkeit im Umgang mit intimen Gesundheitsdaten zu honorieren (jW berichtete). Verbraucher, die digital Zeugnis über ihre Fitness und gesunde Ernährung ablegen, werden dafür mit Rabatten belohnt. Günstigere Verträge winken außerdem, wenn nachgewiesen wird, dass und wieviel Sport man treibt und ob man regelmäßig zur Vorsorge geht. Motto: Wer gesünder lebt, spart Geld. Und letzteres will auch Generali. »Damit stärken wir die Bindung zu unseren Kunden«, erklärte seinerzeit Konzernboss Mario Greco. »Außerdem beeinflussen wir das Verhalten unserer Kunden, und gesündere Kunden sind besser für uns.«

Nicht anders tickt TK-Chef Baas, der sich dieser Tage als der hierzulande »wohl radikalste Vordenker« (SZ) für die elektronische Veräußerung des Körperinnersten profiliert. Wie er in einem Interview in der Vorwoche ankündigte, sollten die Daten von Fitnesstrackern künftig in der geplanten elektronischen Patientenakte gesammelt und von den Kassen verwaltet werden (vergleiche Spalte). Für den Kassenmanager verheißt das nichts als Vorteile: »Wir können über das Risiko einer Erkrankung informieren, wenn wir die Krankheiten, den Puls, das Ausmaß der Bewegung und so weiter zusammen analysieren. Oder: Wir wissen, dass der Versicherte eine Depression hat, und stellen auf einmal fest, dass seine Bewegungsmuster auffällig werden. Dann können wir ihm vorschlagen, zum Arzt zu gehen.«

Längst nicht alle teilen die Euphorie. Für den Sozialwissenschaftler Stefan Sell von der Hochschule Koblenz hat Baas’ Ansatz das Zeug, den Sozialversicherungscharakter ad absurdum zu führen (siehe Interview unten). Kritiker sehen eine ganze Reihe Gefahren: etwa dass sich die Freiwilligkeit der Datenweitergabe in einen Zwang verkehrt, weil man sich andernfalls als teures Sicherheitsrisiko outet und Gefahr läuft, seinen Versicherungsschutz zu verlieren. An die Stelle von »Belohnung« für den gesundheitsbewussten, gläsernen Patienten könnte alsbald das Abstrafen für unbotmäßiges Verhalten treten. Was die einen sparen, müssen die anderen, weniger krankenkassenkonform Lebenden draufzahlen. Zudem wird so getan, als wären Gesundheit und Krankheit komplett steuerbar und nicht sozial oder biologisch mit- oder vorbestimmt sowie von speziellen Lebens- und Arbeitsverhältnissen beeinflusst.

Zwar hat sich der TK-Frontmann dagegen ausgesprochen, »Tarife mit gesundheitsbewusstem Verhalten zu verknüpfen«. Nur, wie soll darauf Verlass sein in einem System, in dem sich gesetzliche Kassen untereinander Konkurrenz machen und obendrein im Wettbewerb mit Privatversicherern stehen? Zumal ein Anfang bereits gemacht ist: Die TK hat ihr Bonusprogramm bereits auf Wearables ausgeweitet. Auch bei der AOK Nordost wird die Anschaffung entsprechender Geräte inzwischen bezuschusst. Das alles mag nicht dramatisch erscheinen, doch das dicke Ende kommt bestimmt. Dem Präsidenten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Felix Hufeld, schwante schon bei besagtem Generali-Vorstoß Schlimmes: »Wenn wir den Gedanken zu Ende denken, kann das letztlich zu einer Atomisierung des Kollektivs führen.«

Ein Graus sind solche Aussichten natürlich ebenso für Datenschützer. »Die Kassen fordern ganz offen Zugriff auf die Krankendaten ihrer Versicherten, um mit diesen lukrative
Geschäftsmodelle zu betreiben«, befand Kai-Uwe Steffens vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung im Gespräch mit junge Welt. »Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob wir auf diesen Ausverkauf unserer persönlichsten Daten angewiesen sind oder eher das Umsatz- und Profitstreben von Kassen und Industrie in die Schranken weisen.« Widerspruch erntet Baas auch durch Rena Tangens vom Verein Digitalcourage: »Nach dem Vorschlag sollte sich die TK doch ehrlicherweise in Techniker-Kraken-Kasse umbenennen.«

E-Health-Gesetz: Alles auf eine Karte
Mit dem zum 1. Januar in Kraft getretenen »E-Health-Gesetz« wird die Digitalisierung des Gesundheitswesens weiter forciert. Kern des Regelwerks ist ein Fahrplan für die Etablierung einer digitalen Infrastruktur mit »höchsten Sicherheitsstandards« und die Einführung »nutzbringender Anwendungen« auf der elektronischen Gesundheitskarte. Künftig sollen darauf deutlich mehr als die klassischen Verwaltungsdaten gespeichert werden – ab 2018 etwa Röntgenaufnahmen oder Ergebnisse von Blutuntersuchungen. Ferner sollen Versicherte in einem Patientenfach eigene Daten, etwa von Fitnessarmbändern, Smartphones oder Smartwatches (sogenannten Wearables) ablegen können.

Nach den Worten des Chefs der Techniker-Krankenkasse, Jens Baas, müsse der Patient »Herr über seine Akte« bleiben und selbst entscheiden, welche Informationen die Kassen bzw. Ärzte einsehen können. Dieses Feld dürften die Deutschen nicht den US-Internetkonzernen überlassen. Warnungen vor dem gläsernen Patienten, dessen Daten von Hackern abgegriffen, manipuliert und missbraucht werden könnten, lässt das Bundesgesundheitsministerium nicht gelten: »Der Datenschutz wird ganz groß geschrieben.« Für Sicherheit soll eine doppelte Verschlüsselung sorgen, auf Notfalldaten bei Bedarf aber ohne PIN zugegriffen werden können.

Obwohl Wearables auch in Deutschland bereits weit verbreitet sind, sehen viele Verbraucher erhebliche Risiken bei der Nutzung. Laut einer Erhebung des Marktforschungsinstituts Yougov im Auftrag des Justizministeriums befürchten 32 Prozent der Befragten falsche Messwerte, 31 Prozent falsche Gesundheitsratschläge, und 39 Prozent halten die Verwendung der Daten durch Dritte für ein Problem. Nur eine Drittel erachtet die Technik als unbedenklich. Die Stiftung Warentest hat zuletzt zwölf Fitnessarmbänder getestet, nur zwei davon schnitten gut ab. (rwu) jw

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