11. Februar 2016

Ungeliebt und unentbehrlich


Polens Beziehung zu Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren verbessert. Doch Warschau birgt für Berlin auch ein Störpotential
Von Reinhard Lauterbach, Nekielka

Ein Aspekt fehlte, als die rechtskonservative Partei PiS im Herbst 2015 die Regierung in Polen übernahm: die offen antideutschen Töne. Der 2010 mit dem Flugzeug abgestürzte Staatspräsident Lech Kaczynski hatte noch stolz erklärt, er kenne von Deutschland nur das Herrenpissoir auf dem Frankfurter Flughafen, und das reiche auch. Sein Nach-Nachfolger Andrzej Duda sendete nun andere Signale: Seine Frau und er seien oft in Deutschland im Urlaub und hätten deutsche Freunde. Frau Duda ist tatsächlich ausgebildete Germanistin und hat, bevor sie »First Lady« wurde, an einem Krakauer Gymnasium Deutsch unterrichtet. Um diesen anderen Ansatz diplomatisch zu unterstreichen, wählte Duda denn auch Berlin als Ziel seiner ersten Auslandsreise.

Der Hintergrund dieser verbalen Zurückhaltung ist die starke wirtschaftliche Verflechtung Polens und der BRD. Die Regierung Szydlo beeilte sich nach ihrem Amtsantritt zu erklären, an diesem Zustand wolle sie nichts ändern. Für Polen ist Deutschland mit Abstand der größte Außenhandelspartner, der nach aktuellsten Zahlen 26 Prozent der polnischen Exporte abnimmt, in der deutschen Ausfuhrstatistik steht Polen immerhin auf Platz acht. Dass Polen die Wirtschaftskrise bisher ohne größere Schrammen überstanden hat, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass auch die BRD-Wirtschaft wesentlich besser durch die Krise gekommen ist als andere Volkswirtschaften in der EU. Polnische Unternehmen sind inzwischen fest in die Zulieferketten der deutschen Konzerne eingebunden, von denen viele Tochtergesellschaften in Polen haben. Das Land ist einer der führenden Produktionsstandorte für Haushaltsgeräte, Möbel und Autoteile in Europa. So wird der VW-Kleinlieferwagen »Caddy« ausschließlich in Poznan gebaut. Derzeit errichtet der Wolfsburger Konzern 40 Kilometer weiter östlich bei Wrzesnia ein neues Werk für Nutzfahrzeuge, das im zweiten Halbjahr 2016 in Betrieb gehen soll. Die Wahl des Standorts hatte nichts damit zu tun, aber es ist charakteristisch, dass Wrzesnia zuvor nur durch einen Schulstreik polnischer Kinder gegen die Germanisierung des Religionsunterrichts Anfang des 20. Jahrhunderts in die deutsch-polnische Geschichte eingegangen war. Damals hieß die Stadt noch Wreschen. Als Investoren sind deutsche Unternehmen heute in Polen willkommen; sogar Gewerkschafter loben die deutsche Sozialpartnerschaft vor dem Hintergrund der ansonsten eher angelsächsischen Managementmethoden.

Auch vom Standpunkt der deutschen Wirtschaft aus ist Polen als Handelspartner heute wichtiger als noch vor einigen Jahren. Das Land ist mit einem Außenhandelsumsatz von knapp 90 Milliarden Euro inzwischen vor Tschechien (70 Milliarden Euro) und Russland (67 Milliarden Euro) größtes Exportziel in Osteuropa. Mit der antirussischen Wende der deutschen Außenpolitik unter Angela Merkel ist das Gewicht Polens für Berlin objektiv gewachsen. Polnische Argumente über eine Gefährdung der »europäischen Solidarität« durch den Ausbau der Ostseepipeline »North Stream«, die unter Gerhard Schröder noch ignoriert worden waren, finden inzwischen in Berlin Gehör. Neulich äußerte Norbert Röttgen (CDU) in einem großen Interview mit der Tageszeitung Rzeczpospolita Verständnis für die Warschauer Position. Das Pipelineprojekt dürfte also noch nicht in trockenen Tüchern sein, auch wenn es von wirtschaftlicher Seite mächtige Fürsprecher in Westeuropa hat – an der Betreibergesellschaft halten neben der BASF auch die französische Total und der britisch-niederländische Shell-Konzern Anteile.

Berlin ist dabei gegenüber Polen in einer widersprüchlichen Position. Einerseits will es sich nicht für die polnischen Regionalmachtambitionen und Eskalationspläne in Osteu­ropa (siehe unten) instrumentalisieren lassen. Daher rührt der bisherige Widerstand der Bundesregierung gegen den polnischen Herzenswunsch, feste NATO-Basen in Osteuropa zu errichten. Auf der anderen Seite hat Polen neben seiner geographischen Lage ein erhebliches politisches Störpotential in NATO und EU, wenn Deutschland einmal versuchen sollte, seine Beziehungen zu Russland wieder zu verbessern. Das lässt es aus Sicht der BRD-Politik einstweilen ratsam erscheinen, gegenüber Warschau eine Art Appeasementpolitik zu verfolgen. Umgekehrt müsste in dieser Logik das polnische Bestreben, künftig London als wichtigsten Partner in der EU zu wählen, in Berlin mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesehen werden. Kurzfristig dürfte das Bedauern überwiegen; doch sollte Großbritannien die EU tatsächlich verlassen, wäre es Polen, das verlassen dastünde.

Akzentfrage
Deutsche Pfiffe

Neulich gewannen bekanntlich die Handballer der deutschen Nationalmannschaft den EM-Titel, und das in Polen. Wie in solchen Situationen üblich, betrat nach dem Finalspiel die Regierungschefin des Gastgebers, Beata Szydlo, die Arena, um den Siegern ihre Medaillen umzuhängen. Auf die Ansage des Hallensprechers »Begrüßen Sie bitte die Ministerpräsidentin« brach allerdings kein Beifallssturm los, sondern ein Pfeifkonzert.

Szydlo waltete mit steinerner Miene ihres Amtes, aber in den konservativen Medien Polens begann es zu kochen. Eine bodenlose Unverschämtheit der deutschen Fans sei das gewesen, Szydlo auszubuhen, gifteten die Kommentatoren. Das zeige, wie sich Deutschland in Polen einmische. Ein namhafter PiS-Politiker meinte auf die Nachfrage eines Moderators, woran er denn erkannt habe, dass es gerade die deutschen Fans gewesen seien, die gepfiffen hätten, und nicht etwa die polnischen: Die Pfiffe hätten einen deutschen Akzent gehabt. Aber wenn der Mann glaubte, das Argument sei ein Selbstläufer, täuschte er sich. Die Entdecker des deutschen Pfeifakzents sehen sich einer Flut von Spott-Spots im Internet ausgesetzt, etwa mit einem Jungen und seinem Großvater auf dem Sofa: »Opa, als du bei den Partisanen warst, woran hast du gemerkt, welche Züge du in die Luft sprengen musstest?« – »Die Lokomotiven haben mit deutschem Akzent gepfiffen.«

Tatsächlich ist in der polnischen Gesellschaft von individuellen Vorbehalten gegen Deutsche wenig zu spüren. Zwar ist das Thema der Besatzung nach wie vor präsent, aber es kommt im Alltag nicht zur Geltung. Bei Umfragen erklären um die 80 Prozent der Polen, nichts gegen Deutsche als Kollegen, Nachbarn und sogar Schwiegerkinder zu haben. Dieser Wert ist seit Jahren im wesentlichen konstant.

Das hindert die PiS nicht, immer wieder mal mit dem Thema des hässlichen Deutschen auf Stimmenfang zu gehen. So 2005, als der PiS-Spindoktor Jacek Kurski einen Großvater des damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Tusk ausgrub, der in der Wehrmacht gekämpft habe. Es stellte sich zwar schnell heraus, dass der Großvater, ein Kaschube, zwangsrekrutiert worden und nach wenigen Wochen desertiert war, aber für die Dauer des Wahlkampfes war die Lüge im Umlauf und kostete Tusk den Wahlsieg. Der Erfinder des Wehrmachtsopas ist inzwischen Chef des staatlichen Fernsehens. Ein paar Jahre später hielt Jaroslaw Kaczynski bei einer Regionalwahl in Gorny Slask (ehemals Oberschlesien) der dortigen Regionalbewegung vor, sie sei eine »verdeckte deutsche Option«. Geholfen hat es nicht. Der Stimmenanteil der Regionalisten, die für mehr kulturelle und finanzielle Autonomie des Industriegebiets eintreten, blieb unverändert. (rl)
jw

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen