11. Februar 2016

Unfallopfer ohne Fingernägel


Tod eines Doktoranden in Kairo belastet italienisch-ägyptische Beziehungen. Hinweise auf Folter
Von Sofian Philip Naceur, Kairo

Die Ermordung eines italienischen Wissenschaftlers in Kairo wird zur Belastungsprobe für die italienisch-ägyptischen Beziehungen. Der 28jährige Giulio Regeni war am 25. Januar im Zentrum der Hauptstadt verschwunden und neun Tage später in einem Graben neben einer Hauptstraße außerhalb der Stadt ermordet aufgefunden worden. Sein Körper sei mit Stichwunden und Verbrennungen durch ausgedrückte Zigaretten übersät und seine Fingernägel seien herausgerissen gewesen, berichteten verschiedene Nachrichtenagenturen.

Auch wenn die Nachrichtenlage noch immer keine konkreten Schlussfolgerungen zu den Hintergründen der Tat erlaubt, ist eine Verwicklung ägyptischer Sicherheitsbehörden in die Ermordung des Doktoranden von der britischen Universität Cambridge nicht auszuschließen. Die italienische Zeitung La Stampa warf Ägyptens Polizei in der vergangenen Woche offen vor, für die Tat verantwortlich zu sein. Die Regierung in Kairo streitet eine Verwicklung der Behörden konsequent ab. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass Regeni nicht, wie ägyptische Offizielle wiederholt zu Protokoll gegeben haben, Opfer eines Unfalls oder Raubüberfalls wurde.

Die Verletzungen des Opfers sowie die Umstände seines »Verschwindens« haben auffällige Ähnlichkeit mit den immer häufiger auftretenden Fällen spurlos verschwundener Aktivisten. Auch Oppositionelle und Journalisten werden immer wieder als verschollen gemeldet, tauchen dann aber nach einigen Tagen in Polizeistationen, Gefängnissen oder gar Gerichtssälen wieder auf. Allein im Jahr 2015 gab es Hunderte bestätigte Fälle. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Immer wieder jedoch tauchten die Leichname von als vermisst gemeldeten Menschen auch mit Folterspuren übersät am Rande von Hauptstraßen außerhalb Kairos wieder auf.

Entsprechend misstrauisch reagierten die italienischen Behörden und schickten eine eigene Delegation in die ägyptische Hauptstadt. Regenis Leichnam wurde nach Italien überführt und in Rom ein zweites Mal obduziert. Die Forensiker stellten zahlreiche Knochenbrüche fest und übersahen auch nicht, dass Regeni sämtliche Finger- und Zehennägel gezogen worden waren. Gestorben ist der Doktorand der Untersuchung zufolge an einem Genickbruch. Italiens Innenminister Angelino Alfano sagte dem Fernsehsender Sky News, die Ergebnisse seien ein Schlag in den Magen, und man sei immer noch nicht wieder zu Atem gekommen.

Die Reaktionen ägyptischer Offi­zieller folgen derweil altbekannten Mustern. Ägyptens Innenminister Magdi Abdel Ghaffar bezeichnete die Vorwürfe gegen ägyptische Sicherheitskräfte als »vollkommen inakzeptabel«, die ägyptische Polizei sei nie zuvor derartigen Anschuldigungen ausgesetzt gewesen. In etwas ruhigerem Tonfall forderte der Sprecher des Außenministeriums, Ahmed Abu Said, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

Regeni, der als Gastwissenschaftler an der American University in Cairo an seiner Doktorarbeit über die unabhängige Gewerkschaftsbewegung in Ägypten arbeitete, schrieb gelegentlich für die linke italienische Zeitung Il Manifesto. Er veröffentlichte jedoch unter Pseudonym. Neben Oppositionellen, Menschenrechtlern und Journalisten sind auch Wissenschaftler aus dem In- und Ausland in den vergangenen Jahren verstärkt ins Visier ägyptischer Behörden geraten. Seit der Verhaftung und Abschiebung einer französischen Studentin im Sommer 2015, die in Ägypten für ihre Masterarbeit recherchiert hatte, wurde mehrfach ausländischen Wissenschaftlern die Einreise verweigert.jw

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen