15. Februar 2016

Stoppt das Blutvergießen



Papst Franziskus und Patriarch Kyrill kritisieren in Havanna »Ungerechtigkeit im System der internationalen Beziehungen«
Von Volker Hermsdorf, Havanna

Michael Lapsley, Pater aus Südafrika, machte am Sonnabend (Ortszeit) auf einer Veranstaltung des kubanischen Instituts für Völkerfreundschaft in Havanna auf etwas Bemerkenswertes aufmerksam: »Die Oberhäupter der christlichen Kirchen sind ausgerechnet zu den Kommunisten gekommen, um nach fast 1.000 Jahren endlich miteinander zu sprechen. Das zeigt die neue Rolle Kubas in der Welt.«

In einem Protokollsaal des Flughafens der Hauptstadt hatten Papst Franziskus und Patriarch Kyrill am Freitag (Ortszeit) in Anwesenheit des kubanischen Präsidenten Raúl Castro, der an den Vorbereitungen des Treffens maßgeblich beteiligt war, die Eiszeit zwischen der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche beendet. Vor seinem Weiterflug nach Mexiko äußerte das Oberhaupt des Vatikans u. a.: »Ich möchte nicht gehen, ohne dem großartigen kubanischen Volk und seinem hier anwesenden Präsidenten meine Anerkennung auszusprechen. Wenn es so weitergeht, wird Kuba die Hauptstadt der Einheit sein«, sagte Franziskus.

Wie in Berichten über Kuba mittlerweile üblich, wurde auch das Treffen der Kirchenoberhäupter in Havanna von Medien in aller Welt als »historisch« bezeichnet. Diesmal sicher zu Recht. Nach der Spaltung im Jahr 1054 hatte zwischen Katholiken und Orthodoxen jahrhundertelang Sprachlosigkeit geherrscht. Seit rund 20 Jahren gab es zwar immer wieder Pläne für eine Zusammenkunft, erfolgt ist die von den Anhängern beider Kirchen erhoffte Versöhnung nun aber erst in Kuba. Angesichts von Krieg und Terror in der Welt unterstrichen die Kirchenoberhäupter dort ihre Gemeinsamkeiten.

In einer 30 Punkte umfassenden Erklärung, die von kubanischen Medien im vollen Wortlaut veröffentlicht wurde, forderten sie unter anderem ein Ende der Christenverfolgung und des Blutvergießens in der Welt. Mit Blick auf die dramatische Lage in Syrien und dem Irak riefen sie die Staaten auf, »sich zu vereinen, um der Gewalt und dem Terrorismus ein Ende zu setzen«. Die Flüchtlinge müssten in ihre Häuser zurückkehren können. »Unser Blick richtet sich auf die Menschen, die sich in großer Schwierigkeit befinden, die unter Bedingungen extremer Bedürftigkeit und Armut leben, während der materielle Reichtum der Menschheit zunimmt«, heißt es in der Erklärung. Und weiter: »Die wachsende Ungleichheit in der Verteilung der irdischen Güter erhöht den Eindruck von Ungerechtigkeit im Hinblick auf das (...) System der internationalen Beziehungen«. Zudem prangerten die Kirchenoberhäupter den »zügellosen Konsum« an, »wie man ihn in einigen der am meisten entwickelten Länder antrifft«. Er beginne, die Ressourcen des Planeten aufzubrauchen.

Während Franziskus bei seiner mehrtägigen Visite im September letzten Jahres zum ersten Mal auf die Insel gekommen war, betonte Kyrill, dass er auf Einladung Raúl Castros zu einem Freundschaftsbesuch und bereits zum vierten Mal nach Kuba gekommen sei. Der Patriarch, der gute Kontakte zum russischen Präsidenten Wladimir Putin unterhält, hob hervor, dass »die Völker Russlands und Kubas seit vielen Jahren durch enge Bande der Zusammenarbeit und Freundschaft vereint sind«. Castro dankte Kyrill vor allem dafür, dass dieser die noch immer von den USA gegen die Inselrepublik aufrechterhaltene Blockade verurteilt und versprach nach dem Treffen: »Kuba wird auch weiterhin den Frieden unterstützen.« Am Samstag war Kyrill von Revolutionsführer Fidel Castro empfangen worden.

Der Papst reiste nach dem Treffen in Havanna nach Mexiko-Stadt weiter, wo er am Flughafen von Präsident Enrique Peña Nieto und dessen Frau Angélica Rivera begrüßt wurde. Bei seiner ersten Fahrt durch die Stadt mit dem Papamobil wurde der Pontifex dort von Tausenden Schaulustigen gefeiert. Mexiko sei ein Volk mit Zukunft, da mehr als die Hälfte der Bevölkerung im jugendlichen Alter sei, sagte Franziskus höflich bei seiner ersten Ansprache im größten spanischsprachigen Land der Welt. Er warnte dann jedoch davor, die Zukunft der jungen Mexikaner durch »verantwortungsloses Handeln« aufs Spiel zu setzen. Immer wenn Menschen nach »einem Weg der Privilegien oder Vorteile für einige wenige und zum Schaden des Wohls aller« suchten, schaffe das »fruchtbaren Boden« für Korruption, Rauschgifthandel und Gewalt, »einschließlich des Menschenhandels von Entführungen«. Ein solcher Weg, sagte Franziskus, verursache »Leid und bremst die Entwicklung«. Nach Brasilien ist Mexiko das Land mit den meisten Katholiken weltweit. Mehr als 80 Prozent der rund 120 Millionen Mexikaner bekennen sich zum Katholizismus. Im Gegensatz zu Kuba ist Mexiko aber durch Drogenhandel, Menschenhandel, Bandenkriege auf der einen Seite und die Machtlosigkeit des Staates auf der anderen gekennzeichnet.

jw

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