6. Februar 2016

»Staatsanwalt gab zu, keine Beweise zu haben«



Buch über Leonard Peltier in Arbeit: Schwierige Recherche in den USA. Ein Gespräch mit Michael Koch
Interview: Claudia Wrobel

Sie stehen mit Leonard Peltier in persönlichem Kontakt. Können Sie uns sagen wie es ihm geht?

Persönlich ist der Kontakt nur sporadisch. Unsere Unterstützergruppe gibt es seit dem Jahr 2000, ich bin seit 2002 dabei. Da waren durchaus Telefonate möglich, allerdings läuft mehr über E-Mails. Die Frage ist schwierig zu beantworten. Es hat lange gedauert, bis wir auch mal annähernd Persönliches besprochen haben. Von Peltier kommt ein Wechselbad der Gefühle bei mir an: Verzweiflung, auch angesichts seines schlechten Gesundheitszustandes, dann wieder Stärke und Mut, aber auch Wut, etwa wenn Unterstützergruppen sich gegenseitig unterminieren. Er zeigt große Souveränität, aber auch aufgrund der aktuellen Erkrankung ist es für ihn natürlich schwer.

Sie arbeiten aktuell an einem Buch über ihn, das bald veröffentlicht werden soll, und haben dafür auch in den USA recherchiert. Wie ist das abgelaufen?

Natürlich ist so etwas nicht einfach. Wenn wir das Projekt zu Beginn unserer Unterstützungsarbeit angegangen wären, wären wir dabei nicht sehr weit gekommen. So aber konnten wir eine Vertrauensbasis herstellen. Viele Personen kannten uns. Die schätzen beide Elemente unserer Arbeit: die sozialen Projekte und die konkrete Unterstützungstätigkeit. So gab es durchaus die Bereitschaft, uns mit Zeitzeugen zusammenzubringen.

Wie hat die Arbeit an dem Buch Ihre Unterstützungsarbeit beeinflusst?

Es hat mir einerseits sehr geholfen, da wir noch mal anders mit Personen in Kontakt treten konnten. Andererseits stößt man natürlich auch auf Gegenquellen, also etwa FBI-Dokumente, wenn man beginnt zu recherchieren. Da nagen dann manchmal auch Zweifel an einem. Die Gespräche vor Ort waren dann durchaus wichtig, um uns als Unterstützer mental aufzurichten, dass wir auf der richtigen Seite stehen.

Wie meinen Sie das, dass Zweifel an Ihnen nagten?

Ich möchte da einmal das Buch »American Indian Mafia« von Joseph Trimbach, einem ehemaligen FBI-Mann nennen. Der Name ist natürlich eine Anspielung auf das American Indian Movement. Wenn man das liest, klingt das erstmal sehr plausibel. Wenn man dann nicht weiß, dass es eine Strategie des FBI ist, in soziale Bewegungen zu intervenieren, mit dem Ziel diese zu zerschlagen, wie etwa bei den Black Panthers geschehen, sieht man nur, dass es interessant geschrieben ist. Die lassen da kein gutes Haar an dem American Indian Movement, Leonard Peltier und anderen. Sie werden schlicht als Terroristen hingestellt. Solange ich nur als Unterstützer agierte, konnte ich die Dokumente, die dort als Beweise angeführt werden, salopp beiseite wischen. Das Buch aber ist ein Spagat zwischen fast schon wissenschaftlicher Recherche und politischem Projekt. Wenn man da nicht beide Seiten schwächen will, muss man bei den Formulierungen vorsichtig sein.

Wie klingen solche »vorsichtigen Formulierungen«?

Die ganze Sache ist nicht aufgearbeitet. Wir können uns also nicht in jedem Punkt absolut sicher sein. Trotzdem würde ich immer wieder sagen: Nach allen Informationen, die mir vorliegen, ist dieser Mann unschuldig. Außerdem muss man immer wieder betonen, dass der Prozess gegen ihn, mit unserem rechtsstaatlichen Verständnis nichts zu tun hatte. In seinem Fall hätte natürlich gelten müssen: Im Zweifel für den Angeklagten. Selbst der Staatsanwalt, der seinerzeit verantwortlich war, hat zugegeben, dass er keine Beweise hatte. Später hat er sogar eingeräumt, dass Peltier freigelassen werden würde, wenn es nach ihm ginge.

Wie steht es um den heutigen Widerstand der indigenen Bevölkerung in den USA?

Es gibt ihn natürlich – ob im American Indian Movement, dessen Reste, oder in neuen Gruppierungen. Es gibt immer wieder größere Aktionen. In Anbetracht der Zahl von mindestens 2,5 Millionen Native Americans kann man aber leider nicht von einer Massenmobilisierung sprechen. Die Diskriminierung, der Rassismus, die Benachteiligung bei den Lebensbedingungen sind noch immer ausgeprägte Phänomene. Außerdem muss man sagen, dass die seit Jahrhunderten anhaltende Geschichte unter anderem der kulturellen Entwurzelung, verbunden mit dem Leben unter prekären Bedingungen, Menschen anfällig für Lethargie macht.

jw

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