5. Februar 2016

»Solche Machenschaften sorgen für Empörung«


Aus heiterem Himmel: Möbelkette XXXL Mann Mobilia feuert 99 Mitarbeiter. Ein Gespräch mit Stephan Weis-Will
Interview: Ralf Wurzbacher

Die Möbelhauskette XXXL Mann Mobilia hat zu Wochenanfang aus heiterem Himmel 99 Verwaltungsmitarbeiter eines Zentrallagers in Mannheim vor die Tür gesetzt. Wie begründet die Geschäftsleitung das Vorgehen?

Die Chefetage hat es erst gar nicht für nötig befunden, sich offiziell gegenüber den Beschäftigten und dem Betriebsrat zu erklären. Die Leute sind am Montag nichtsahnend zur Arbeit erschienen. Am Eingang wurden sie von drei Sicherheitskräften abgefangen und erhielten keinen Zutritt. Man hat ihnen einen Brief in die Hand gedrückt, in dem es lapidar heißt, sie wären ab sofort »bis auf weiteres widerruflich von der Verpflichtung der Arbeitsleistung freigestellt«. Ende der Durchsage. Die angeblichen Gründe wurden erst später nachgereicht – über die Presse.

Laut einem Firmensprecher hätten in der Verwaltung »unhaltbare Zustände« geherrscht, es sei »völlig ineffizient« gearbeitet worden. Wie finden Sie das?

Das ist Quatsch und eine Riesenfrechheit, die Leute auch noch zu diffamieren, nachdem man ihnen einen Tritt in den Hintern verpasst hat. Außerdem hat Effizienz immer auch mit den Führungskräften zu tun. Die Zustände in dem Lager waren durch Fehlplanungen der Führung zeitweise chaotisch.

Es heißt auch, die Freigestellten könnten auf einen Anschlussvertrag in Würzburg hoffen, wohin die komplette Auftragsverarbeitung der Möbelkette verlegt werden soll.

Dieses sogenannte Angebot könnte zynischer kaum sein. Die Sache lief so ab: In Würzburg wurden klammheimlich 60 neue Leute eingestellt, um danach die Mannheimer Angestellten vor vollendete Tatsachen zu stellen. Außerdem sollen am Montag über 120 Beschäftigten an den hessischen Standorten Wiesbaden und Eschborn Aufhebungsverträge und Versetzungen an einen neuen Standort in Groß-Gerau angeboten worden sein.

Geht es also um eine großangelegte Umstrukturierung?

Ja, die läuft aber schon länger so. 2013 hatte eine Konzerntochter in München 160 Mitarbeitern ohne Ankündigung und mit sofortiger Wirkung den Zugang zu ihrem Arbeitsplatz verweigert. Und ähnliches spielte sich im vergangenen Sommer in Oberhausen ab.

Ich mache seit 22 Jahren Gewerkschaftsarbeit in der Region und habe persönlich noch nie erlebt, dass ein Arbeitgeber sich so schweinisch verhält.

Die österreichische XXXLutz-Gruppe ist einer der größten Möbelhändler weltweit mit einem gewaltigen Bestand an Marken und Beteiligungen. Wie groß ist ihre Markmacht in Deutschland?

Der Konzern kauft in Deutschland seit ein paar Jahren Stück für Stück den Möbelhandel auf. Er betreibt bundesweit mittlerweile über 60 Einrichtungshäuser. Neben Mann Mobilia gehören ihm Möbelix, Mömax, Domäne und viele andere mehr. Ob das für den Verbraucher auf Dauer gut ist, sei dahingestellt. Für die Beschäftigten bedeutet diese geballte Marktmacht jedenfalls nichts Gutes.

Wie setzen Sie sich zur Wehr?

Wir haben mehrere juristische Schritte eingeleitet. Beim Arbeitsgericht wollen wir eine einstweilige Verfügung gegen die kalte Freistellung erwirken. Es gibt nämlich eine gültige Betriebsvereinbarung, nach der die Arbeitsplätze am Standort noch bis Ende 2016 gesichert sind. Inzwischen ist ein neuer Konfliktherd dazugekommen. Der Betriebsrat wurde angewiesen, sein Büro im Zentrallager bis 12. Februar zu räumen. Er soll in einen anderen Stadtteil, weit weg von den Beschäftigten, abgeschoben werden.

Erst Mitte Januar wurde auch bekannt, das General Electric das einverleibte ehemalige Alstom-Werk in Mannheim schließen und bis zu 1.000 Arbeitsplätze vernichten will. Wie sehr ist das Thema in Ihrer Region?

Mannheim ist eine solidarische Arbeiterstadt. Da sorgen solche Machenschaften natürlich für Empörung. Am Donnerstag ist eine IG-Metall-Delegation von 300 Alstom-Beschäftigten, die alle um ihren Job kämpfen, mit den Kolleginnen und Kollegen von XXXL auf die Straße gegangen, um gemeinsam für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu protestieren. Das war ein großartiges Zeichen. Und auch bundesweit mailen und schreiben immer mehr Menschen den Konzern an. jw

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