6. Februar 2016

Schwache Vorstellung


Bildungsministerium, Arbeitsagentur und Handwerk präsentieren Integrationskonzept. Opposition spricht von »Augenwischerei« und einem »Rohrkrepierer«
Von Claudia Wrobel

Ein Integrationsprogramm soll es richten. Einerseits sollen junge Flüchtlinge davon profitieren, andererseits soll das Handwerk unbesetzte Ausbildungsplätze an den Mann und die Frau bringen. Am Freitag stellten das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Bundesagentur für Arbeit und der Zentralverband des deutschen Handwerks das gemeinsame Projekt »Wege in Ausbildung für Flüchtlinge« in Berlin vor. Die Inhalte sehen gut aus – zumindest auf den ersten Blick.

20 Millionen Euro will das Bildungsministerium für das Programm zur Verfügung stellen. In den kommenden zwei Jahren sollen damit insgesamt 10.000 Flüchtlinge unter 25 Jahren für eine Ausbildung fitgemacht werden. Dafür sollen Berufsorientierungsprogramme angeboten werden, etwa in den Berufsbildungszentren des Handwerks. Dieses will das Projekt außerdem durch Praktikumsplätze und ähnliches unterstützen. Die Jobcenter sollen dabei regional als Schnittstelle dienen und in vorbereitenden Interviews die Qualifikationen der Bewerber abfragen. Ob für alle Teilnehmer wirklich die Möglichkeit besteht, eine Ausbildung zu absolvieren, bleibt in der Ankündigung offen. Das Handwerk sichert lediglich »bis zu 10.000« Stellen zu. Außerdem ist die Rede davon, dass diese bei »entsprechenden Voraussetzungen« angetreten werden könnten.

Allerdings ist ungewiss, wie diese Voraussetzungen überhaupt erfüllt werden sollen. Asylverfahren dauern momentan sehr lange. Solange der Aufenthaltsstatus eines jungen Menschen nicht geklärt ist, kann er auch nicht an einem solchen Programm teilnehmen. Außerdem ist es momentan nicht möglich, allen Asylsuchenden den Zugang zu Sprachkursen zu ermöglichen. Die Barriere, die fehlende Sprachkenntnisse für eine Ausbildung darstellen, kann aber nicht durch praktische Kurse wettgemacht werden.

So viel Realitätscheck focht die Protagonisten bei der Vorstellung nicht an. Sie gaben sich optimistisch. Nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa betonte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU): »Ich möchte, dass junge Frauen besonders angesprochen werden.« Und Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer betonte, wie sehr die Betriebe qualifizierte Bewerber suchten: »Wir brauchen keine Schubkarrenschieber, wir brauchen Fachkräfte.«

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, ergänzte eine Forderung nach einer schnellen Klärung des Aufenthaltsstatus. »Wer nicht anerkannt ist, wird nicht eingestellt«, stellte er klar. Diese Stellschraube hat er selbst in der Hand: Seit September ist Weise Leiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Seitdem hat sich die lange Bearbeitungsdauer von Asylanträgen nicht verkürzt. »Man braucht nur einen Blick auf die Zahlen zu werfen, um zu sehen, wieviel noch im argen ist: Aktuell rund 370.000 noch nicht entschiedene Asylanträge, dazu eine Vielzahl von Flüchtlingen – nach Schätzung von Weise um die 300.000 bis 400.000 Schutzsuchende –, die ihren Asylantrag wegen der Überlastung der Behörde noch gar nicht stellen konnten«, hob Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke (Die Linke) in einer Mitteilung hervor.

Obwohl die Organisatoren Frauenförderung, grassierenden Fachkräftemangel und die dringend nötige Integration bemühten, hagelte es Kritik am Konzept. Die Grünen-Fraktionssprecherin für Jugendpolitik und Ausbildung, Beate Walter-Rosenheimer, warf Wanka »Augenwischerei« vor, wenn sie sich nur um diejenigen mit guter Bleibeperspektive kümmern wolle. Solche Programme blieben vielen verschlossen, »obwohl fast jeder zweite von ihnen für längere Zeit in Deutschland bleiben wird«.

Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, prophezeite dem Programm gar, ein »Rohrkrepierer« zu sein, solange nicht mal »Mindestvoraussetzungen für Integration« geschaffen seien. Außerdem bemängelte sie, dass die Handwerksbetriebe an der Attraktivität ihrer Ausbildung arbeiten müssten, wenn sie Ausbildungsplätze nicht besetzen können: »Darauf zu hoffen, die Versäumnisse der letzten Jahre nun schnell mit jungen Flüchtlingen kompensieren zu können, ist zu kurz gegriffen.«

jw

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen