15. Februar 2016

Schulmisere macht Heuschrecken froh


Geschäft mit der Nachhilfe floriert. Wachsende Nachfrage bei Hartz-IV-Haushalten
Von Ralf Wurzbacher

Manchmal hilft auch Nachhilfe nicht weiter. In der vergangenen Woche befasste sich das Amtsgericht Rostock mit der Klage einer Mutter, die einen Privatlehrer wegen Erfolglosigkeit belangen wollte. Der Zusatzunterricht für ihren Sohn war nach hinten losgegangen. Statt besserer Noten brachte er ein Zwischenzeugnis mit fünf Fünfen nach Hause. Der Junge gehöre auf eine Förderschule, für mehr sei er »viel zu doof«, befand der Beklagte und handelte sich damit eine Anzeige wegen Beleidigung ein. Der Streit wurde am Ende gütlich beigelegt.

Eltern und Kinder stehen unter gewaltigem Druck. Wenn in der Schule die Leistungen nicht stimmen, die Versetzung aufs Gymnasium oder der Weg in Ausbildung und Studium gefährdet sind, wird außerschulisch nach- bzw. draufgelegt. Neueren Schätzungen zufolge erhält fast jeder siebte Schüler an allgemeinbildenden Schulen Nachhilfeunterricht. Lohnend ist die Sache vor allem für die Anbieter. Wie die Bertelsmann-Stiftung ermittelt hat, setzt die Branche jährlich knapp 900 Millionen Euro um.

Für die Partei Die Linke sind die Aufwendungen ein »heimliches Schulgeld« und Beleg dafür, dass mit dem Schulsystem etwas nicht stimme. Im Schnitt 87 Euro monatlich lassen sich Eltern die Unterstützung für ihre Sprösslinge kosten. Die Nachfrage nimmt dabei zu, je näher der Schulabschluss rückt. Von den 15jährigen sind laut besagter Untersuchung 28 Prozent betroffen. Nach einer vergangene Woche vorgelegten Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben bei den 17jährigen von 2009 bis 2013 sogar 47 Prozent zumindest einmal im Laufe ihrer Schulzeit bezahlte Hilfe in Anspruch genommen – das bedeutet einen Anstieg um rund 20 Prozentpunkte im Vergleich zum Zeitraum zehn Jahre zuvor. Von den Grundschülern sitzen demnach immerhin schon sechs Prozent auf private Rechnung nach, in der Sekundarstufe sind es 18 Prozent.

Doch während früher vor allem Kinder aus reichen Familien auf Nachhilfe gebaut hatten, ist das Phänomen inzwischen vollauf »gesellschaftsfähig«. In Haushalten mit mittleren Einkommen hat sich laut DIW der Anteil der Nachhilfeschüler in den zurückliegenden 15 Jahren von 26 auf 59 Prozent mehr als verdoppelt. Diese Zahl bezieht sich wie die folgenden wieder auf Kinder, die mindestens einmal bezahlte Hilfe beansprucht haben. Bemerkenswert ist auch der Zuwachs bei den Hartz-IV-Beziehern von einst zwölf auf heute 31 Prozent. Vor dem Hintergrund, dass in diesen sozialen Schichten Kinder verhältnismäßig schlechtere Bildungschancen haben, werten die Autoren der DIW-Studie diesen Anstieg als »Aufholen«. Zugleich raten sie aber zur Vorsicht: »Da Kinder aus finanziell schlechtergestellten Haushalten unter dem Strich aber noch immer seltener bezahlte Nachhilfe bekommen, lassen sich Bildungsungleichheiten auf diesem Wege kaum reduzieren.«

Der Schluss erscheint sogar noch zu optimistisch. Solange die Mittel- und Oberschichten ihre Kinder verhältnismäßig häufiger und für mehr Geld zur Nachhilfe schicken, wird der Abstand nach unten noch größer und die Benachteiligung von Kindern aus ärmeren Familien sich weiter zuspitzen. Dazu kommt: Nachhilfekosten werden nur in Ausnahmefällen von den Jobcentern übernommen. Motive wie die Noten aufbessern, um eine günstigere Schulartempfehlung zu erreichen und künftig bessere Berufsaussichten zu haben, oder ähnliches gelten nicht als förderwürdig. Hilfe wird allenfalls dann bewilligt, wenn die Versetzung akut bedroht ist (siehe jW vom 15. Januar). In allen anderen Fällen müssen die Ausgaben vom Arbeitslosengeld II abgezweigt werden.

Das DIW schätzt den jährlichen Gesamtumsatz im Bereich der privaten und institutionell organisierten Nachhilfe auf 0,9 und 1,5 Milliarden Euro. Dabei bestehe »ein Viertel bis ein Drittel« des Marktes aus privaten Nachhilfeinstituten. Führend im deutschsprachigen Raum sind die Schülerhilfe mit Sitz in Gelsenkirchen sowie die Bochumer Studienkreis-Gruppe. Beide Unternehmen beschäftigen jeweils rund 10.000 Lehrkräfte auf Honorarbasis und befinden sich im Besitz von Privat-Equity-Gesellschaften, also sogenannten Heuschrecken.
jw

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