15. Februar 2016

Schlafwandler 2.0


Kalte Krieger bestreiten Kalten Krieg
Von Reinhard Lauterbach
Der australische Historiker Christopher Clark ist für sein Buch »Die Schlafwandler« über die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges heftig kritisiert worden. Er habe die Hauptschuld Deutschlands an der Auslösung dieses Krieges relativiert, sagten die Anhänger der Forschungsergebnisse des verstorbenen Hamburger Historikers Fritz Fischer und seiner Schüler. Das traf nicht ganz. Wo Fischers Analyse ein aus verschiedenen Gründen auf hohes Risiko spielendes und den Krieg billigend in Kauf nehmendes Deutschland darstellte und daraus eine letztlich moralische Antwort auf die ihrem Wesen nach moralische Frage nach der Kriegsschuld ableitete, handelt Clarks Buch von etwas anderem. Davon, wie die Logik der Abschreckung aus einem lokalen Anschlag innerhalb von sechs Wochen einen europäischen Großkrieg werden ließ. Weil sich jeder der Beteiligten darauf verließ, dass sich der andere schon abschrecken lassen würde.

Vieles an der aufgeregten Debatte nach den Äußerungen des russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew in München erinnert an diese Situation. Ob es der ukrainische Schreihals und Präsident Petro Poroschenko ist, der die Existenz eines Bürgerkriegs in Syrien bestritt, die Dame Dalia Grybauskaite, Staatsoberhaupt Litauens, die fast gierig den heißen Krieg herbeiredete, der von ihrem Ländchen am allerwenigsten übriglassen würde, oder Frank-Walter Steinmeier. Der BRD-Außenminister hielt Medwedew eine »vereinfachte Analyse« eines »vielschichtigen Konflikts« vor, so als ginge es um eine Buchbesprechung. Keiner dieser Akteure scheint Medwedews Warnungen ernsthaft zugehört zu haben. Gespiegelte Schuldzuweisungen überwogen die »Analyse«: Russland sei doch eigentlich für die Eskalation in Syrien verantwortlich. Es hätte ja einfach den vom Westen eingefädelten Regimewechsel geschehen lassen können, dann gäbe es kein Problem. Tja, wenn das so ist, dann ist der ewige Frieden ja einfach zu realisieren. Man muss nur vor denen kapitulieren, die seine Bedingungen diktieren. Der Weg zu einem Weltfrieden nach Art der NATO – wir sagen, wo es langgeht, und ihr haltet euch dran – ist mit Kriegen gepflastert.

Es wurde ein bisschen gerätselt über die englische Übersetzung von Medwedews Rede. Tatsächlich wurde der russische Satz: Wir sind auf den Tiefpunkt der internationalen Beziehungen abgerutscht (skatilis, eine Verbform, die abgeschlossene Handlungen beschreibt) mit einer Verlaufsform (we are rolling) übersetzt. Das ist nicht korrekt, aber wahrscheinlich kein Zufall. Schließlich wollte Medwedew westlichen Lesern deutlich machen, dass der Absturz noch im Gange sei – also noch aufgehalten werden könne. Intern war er deutlicher. Es taugt kaum als Trost, dass Medwedew die heutige Weltlage mit der Kuba-Krise 1962 verglich. Die endete bekanntlich mit einem sowjetischen Rückzieher. Aber auch die USA zogen ihre Raketen aus der Türkei ab. Zu einem solchen Deal ist Washington heute nicht bereit. Das ist der Unterschied.
jw

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