2. Februar 2016

»Riesiger Nachteil für Anbieter von Ökostrom«


Großbritannien will das geplante Atomkraftwerk Hinkley Point C mit mehr als 100 Milliarden Euro bezuschussen. Ein Gespräch mit Christoph Rasch
Interview: Peter Wolter

Greenpeace Energy will mit juristischen Mitteln verhindern, dass der britische Staat das Atomkraftwerk Hinkley Point, das um eine Anlage »C« erweitert werden soll, mit weit über 100 Milliarden Euro subventioniert. Zunächst die Frage: Was ist das Besondere an diesem astronomisch teuren AKW?

Das Besondere ist, dass der britische Staat mit dem Kraftwerksbetreiber, dem französischen EDF-Konzern, einen Garantiepreis für den Strom vereinbart hat. Das heißt, wenn Hinkley Point C im Jahre 2025 in Betrieb gehen sollte, bekommt es einen festen Einspeisetarif, nämlich – umgerechnet – 120 Euro pro Megawattstunde. Das liegt weit über dem Marktpreis für Strom. Wir klagen dagegen mit neun anderen Energieanbietern und Stadtwerken vor der 1. Instanz des Europäischen Gerichtshofes in Luxemburg, weil eine so hohe Subvention den Strommarkt in Europa verzerren würde, so dass zum Beispiel Anbieter erneuerbarer Energien ins Hintertreffen geraten.

Alleine die Baukosten will der britische Staat mit 23 Milliarden Euro bezuschussen. Gibt es technische Besonderheiten, die eine solche Summe rechtfertigen?

Das Kraftwerk basiert auf der EPR-Technologie. Entsprechende Reaktoren sind schon an diversen Standorten im Bau – etwa in Finnland, Frankreich oder China. Bei diesen Projekten wurden die Kosten- und Zeitrahmen weit überzogen.

Im Auftrag von Greenpeace Energy hat die Atomphysikerin Oda Becker jetzt in einer Studie die gesamte Kostenplanung durchgerechnet. Sie kommt auf immense Zusatzkosten.

Die Studie hat sich unter anderem einen Aspekt vorgenommen, der in den bisherigen Kostenberechnungen ein wenig unter den Tisch gefallen ist: die langfristigen Endlagerkosten für den Atommüll, der ja nicht nur in Hinkley Point C anfällt. Diese Anlage soll nämlich ein Modellkraftwerk für 13 weitere Reaktoren allein in Großbritannien werden. Sie könnte auch Blaupause sein für weitere nukleare Projekte in Europa.

Sollte die Regierung ihr Nuklearprogramm durchziehen, müsste nach Oda Beckers Kalkulation in Großbritannien mit weiteren Milliarden wahrscheinlich ein zweites Endlager gebaut werden. Bisher ist nur eines geplant, für das allerdings noch kein Standort feststeht. Alleine in Hinkley Point würden demnach über die vorgesehene Betriebszeit von 60 Jahren rund 3.600 Tonnen strahlenden Atommülls in Form abgebrannter Brennelemente anfallen. Alle 13 geplanten Reaktoren würden in diesem Zeitraum zusammen sogar 23.000 Tonnen produzieren. Außerdem, so ein weiteres Ergebnis der Studie, scheinen die Kostenschätzungen für die Atommüllentsorgung für Hinkley Point C insgesamt zu niedrig angesetzt.

Verstehe ich es richtig, dass Hinkley Point C mit seinen subventionierten Strompreisen den europäischen Energiemarkt unterlaufen würde?

Preiswert ist der dort produzierte Strom keineswegs, er wird lediglich durch die Subventionen billig. Mit der garantierten Einspeisevergütung kann das Kraftwerk jederzeit voll produzieren – egal, wie hoch der Strompreis gerade am Markt ist. Das Problem ist, dass dadurch der Energiemarkt verzerrt wird.

Mit welchen Auswirkungen?

Der Strompreis wird bekanntlich an den internationalen Strombörsen ausgehandelt. In einer früheren Studie haben wir das vom Berliner Institut »Energy Brainpool« durchrechnen lassen – das Ergebnis ist, dass Hinkley Point C durchaus Auswirkungen auf Nachbarländer wie Frankreich und die Niederlande hätte. Das würde wiederum auf den deutschen Strommarkt ausstrahlen.

Die Anbieter erneuerbarer Energien – wie es auch Greenpeace Energy ist – würde eine solche Entwicklung in spürbare Schwierigkeiten bringen. Wenn Hinkley Point subventionierten Strom produziert, hätten wir dadurch jährliche Umsatzeinbußen im fünf- bis sechsstelligen Bereich. Wenn wir uns vorstellen, dass Polen oder Ungarn nach dem Modell von Hinkley Point Atomkraftwerke bauen, dann wird der deutsche Energiemarkt weiter verzerrt, weil wir mit diesen Ländern einen hohen Stromaustausch haben.

Wir haben es hochrechnen lassen: Wenn wir die Auswirkungen von Hinkley Point C auf weitere Projekte dieser Art in Europa übertragen, kommen wir auf einen Preisvorteil des Börsenstroms von elf, zwölf Prozent gegenüber Strom aus erneuerbaren Quellen. Man kann sich leicht vorstellen, welch ein Wettbewerbsnachteil das für Ökostromanbieter ist.
jw

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