16. Februar 2016

Rechte im Aufwind


Mehr Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Schweden. Kritik an Heimbetreiber
Von Ruben Wickenhäuser

Seit Schweden im vergangenen November seine Grenzkontrollen zu Dänemark wiedereinführte, befinden sich faschistische Gruppierungen im Aufwind. Dies äußert sich nicht allein in den Umfragewerten rassistischer Parteien. Auch Angriffe gegen Flüchtlingsheime haben zugenommen: Nach einem Rückgang von 19 auf zehn Vorfälle 2014 zählte die Stiftung ­EXPO im vergangenen Jahr insgesamt 50 Attacken, davon etwa 30 mutmaßliche Brandanschläge. 2016 seien ähnlich hohe Zahlen zu erwarten. So wurden Anfang Februar 13 Polen in Nynäshamn festgesetzt, denen vorgeworfen wird, Angriffe auf Flüchtlingsheime vorbereitet zu haben. Indizien weisen darauf hin, dass polnische und schwedische Faschisten zusammenarbeiten.

Letztere sprechen davon, dass die Flüchtlinge Gewalt importierten. Verschwiegen wird die Ghettoisierung von Migranten, die vor einigen Jahren zu Ausschreitungen in den Vorstädten Stockholms führte. Gleichzeitig herrscht in weiten Teilen der Bevölkerung Unmut über das System der Unterbringung von Flüchtlingen. Dazu haben nicht nur Berichte von Gewalt in den Heimen beigetragen. Auch die Kosten für die Einrichtungen stoßen auf Unverständnis. In Schweden wird nach Unterkünften für Erwachsene und Familien sowie für unbegleitete Jugendliche unter 18 Jahren unterschieden. Für letztere werden bis zu 1.900 Kronen (rund 200 Euro) pro Kopf und Tag gezahlt, für Erwachsene indes bis zu 350 Kronen (37 Euro) inklusive Verpflegung. Das Geld erhalten dabei die Heimbetreiber. Obwohl die Einwanderungsbehörde nach eigenen Angaben die kostengünstigsten Angebote auswählt, bleibt bei vielen Schweden nur die enorme Geldsumme in Erinnerung. Für die rechte Propaganda ist die Verbindung von Gewaltvorfällen und hohen Kosten ein idealer Nährboden.

Die »Unterkunftsfirmen« haben in der Öffentlichkeit einen schlechten Ruf. Eiskalt kalkulierende Unternehmer sind in der Branche keine Seltenheit. Vor allem Bert Karlsson sticht hervor. Er führt das mit weitem Abstand größte Flüchtlingsheimunternehmen Jokarjo. Karlssons Vergangenheit ist schillernd: Er war bekannter Musikproduzent, Glücksspielhallen- und Freizeitparkbetreiber. Auch gründete er die rechtspopulistische Partei Ny Demokrati, die neben Steuererleichterungen für eine restriktivere Flüchtlingspolitik eintrat. Die Partei war von 1991 bis 1994 im Reichstag vertreten und existierte bis 2000. Das Gesamtbild als umtriebiger Unternehmer, verbunden mit Karlssons Handgreiflichkeiten und verbalen Ausfällen gegenüber Journalisten, spielt den Kritikern der Asylpolitik in die Hände. In ihren Augen baut Karlsson auf Kosten der Bürger Unterkünfte, allein um seinen persönlichen Reichtum zu vermehren. Vergessen wird dabei allzu oft, dass ganz unabhängig von den Aktivitäten von Unternehmern wie Karlsson akuter Wohnraummangel herrscht. Nicht zuletzt sind die Kosten für die Unterbringung von Flüchtlingen sind auch Karlsson bewusst, weswegen er begann, die Finanzierungspolitik zu kritisieren: So schrieb er in der auflagenstarken Zeitung Svenska Dagbladet, die Höhe des Tagessatzes für unbegleitete Jugendliche könne mühelos von den für 2016 prognostizierten vier auf zwei Milliarden Euro halbiert werden – die Politik müsse nur handeln.

Während man sich einerseits über Profiteure ereifern und Faschisten immer mehr ihr Unwesen treiben, ist auf der anderen Seite das ehrenamtliche Engagement beachtlich. Kleider- und Spielzeugspenden gehen reichlich ein, es werden Sprachkurse, Sporttrainings und Kinderbetreuung organisiert. So veranstalten die Einwohner der kleinen Ortschaft Nyhyttan Sonntagsspaziergänge mit den Flüchtlingen, die nicht nur der Erholung dienen, sondern auch einem guten Nachbarschaftsverhältnis zugute kommen. Inzwischen ist die dortige, den sprechenden Namen »Nyhyttans Kurort« tragende Unterkunft dank des Engagements zu einem landesweiten Vorbild geworden.

jw

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