12. Februar 2016

»Kontakt mit der Bevölkerung wird erschwert«



Trotz Wohnungsknappheit wäre es in Berlin möglich, Geflüchtete nicht in Turnhallen unterzubringen. Gespräch mit Christiane Brückner
Interview: Wolfgang Pomrehn

Was berichten Geflüchtete von der Situation in den vielen Massenunterkünften in Kreuzberg?

Dass die Zustände unhaltbar sind. Alle, mit denen wir gesprochen haben, beklagen sich über verschmutzte Räumlichkeiten und darüber, dass sehr viele Menschen auf engem Raum zusammenleben müssen. Meist gibt es keine Waschmaschinen. Das Essen ist schlecht und reicht oft nicht. Meistens wird es in Rationen abgepackt geliefert, ist geschmacklos. Viele Geflüchtete sagen, gebt uns doch lieber das Geld, damit wir uns selbst versorgen können. Das wäre sogar billiger. Es gibt außerdem viele Klagen über Schikanen von Security-Mitarbeitern. In einem Fall haben wir gehört, dass ein Geflüchteter aus der Unterkunft rausgeworfen wurde, weil er einem Sender ein Interview gegeben hatte.

In den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof, in denen rund 2.000 Flüchtlinge untergebracht sind, gibt es nicht einmal Duschen. Die Menschen werden in Shuttle-Bussen zum Duschen gefahren. Wir hören immer wieder, dass die Menschen aus den Massenunterkünften raus und Kontakt mit der Gesellschaft wollen. Letzte Woche hat eine Geflüchtete auf einer von uns organisierten großen Infoveranstaltung ganz klar gesagt: »Wir haben Angst. Wir werden in den Massenunterkünften unterdrückt.«

Müssen diese Massenunterkünfte überhaupt sein? Gibt es in Berlin keinen Leerstand mehr?

Es gibt Leerstand, aber der reicht nicht aus, um die Wohnungsnot in der Stadt zu beheben. Doch es gibt viele leerstehende Gebäude, die besser geeignet wären. Zum Beispiel das ehemalige Bundesinnenministerium. Dort stehen 850 beheizte Büroräume leer und kosten den Steuerzahler über 500.000 Euro im Monat. Andere Beispiele sind das seit sieben Jahren ungenutzte Haus der Statistik am Alexanderplatz, wo locker 1.000 Menschen unterkommen könnten. Weiter gibt es nach den Angaben des Bezirksamts Mitte vermutlich 17.000 illegale Ferienwohnungen. Und schließlich gibt es verschiedene große Komplexe von Wohngebäuden, die abgerissen werden und Luxuswohnungen Platz machen sollen. In Kreuzberg gibt es einen Fall, bei dem es um fast 1.000 Wohnungen geht. Dazu kommen jede Menge leerstehender Gebäude, die den Bezirken, dem Senat oder auch Privaten gehören.

Ich denke, es gäbe Instrumente, diese zu nutzen, wenn es den politischen Willen gäbe. Für mich sieht es danach aus, als ob diese unmenschlichen Zustände in den Massenunterkünften gewollt sind. Denn so werden der Kontakt mit der Bevölkerung und die Integration erschwert, das Bild der Überforderung bestätigt, und Nachkommende werden abgeschreckt.

Auch die alteingesessenen Kreuzberger haben viele Probleme, leiden zum Beispiel unter explodierenden Mieten und Verdrängung. Wie kann man zu gemeinsamen Kämpfen für eine Verbesserung der sozialen Lage kommen?

Wichtig ist, dass wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen. Wir wollen uns konkret um Begegnungsräume kümmern, zusammen kochen, uns kennenlernen. Wir wollen möglichst mehrere solcher Begegnungsstätten initiieren und Informationen über die Zustände in den Unterkünften sammeln und gegebenenfalls öffentlich machen, um Druck auf die Betreiber auszuüben. Es gab außerdem Vorschläge, eine Vernetzung mit Obdachlosen zu schaffen und eine Hotline für Beschwerden aus den Unterkünften einzurichten. Und natürlich brauchen wir eine breite und starke Kampagne gegen die Wohnungsnot.

Müsste es angesichts der sozialen Lage der Flüchtlinge wie auch der wachsenden Wohnungsnot nicht einen Aufschrei in der Gesellschaft geben?

Ich verstehe nicht, weshalb wir nicht die Talk Shows stürmen, in denen Frauke Petry unerhört viel Raum gegeben wird. Wo bleiben die Großdemos, mit denen wir sagen: »So nicht. So darf nicht mit Menschen umgegangen werden.«

Christiane Brückner ist Mitglied der Berliner Stadteilinitiative »Wem gehört Kreuzberg?«

Konferenz »Berlin für alle«: Sonntag, 14. Februar, 13 Uhr, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, Berlin

Demonstration »Lassen wir uns nicht gegeneinander ausspielen! Gemeinsam lautstark gegen Security-Gewalt, das Lagerregime und die rassistischen Gesetze des Asylpakets II!«: Dienstag, 16. Februar, 18 Uhr vom La GeSo (Moabit) zum Bundestag
jw

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