11. Februar 2016

Jeder dritte malocht 45 Stunden und mehr


DGB-Index »Gute Arbeit«: Überstunden schränken unter anderem Erholungsfähigkeit erheblich ein
Von Claudia Wrobel

Flexible Arbeitszeiten, das wünschen sich viele Beschäftigte. Besonders eine Vollzeitanstellung kann ganz schön belastend sein – mehr als zwei Drittel derjenigen, die laut Vertrag mindestens 35 Stunden pro Woche arbeiten, würden gerne weniger Zeit im Job verbringen. Das ist ein Ergebnis einer Sonderauswertung des DGB-Index »Gute Arbeit« aus dem vergangenen Jahr, die der Gewerkschaftsbund am Donnerstag veröffentlichte. Die Realität sieht allerdings für viele ganz anders aus. Bei knapp einem Viertel aller Beschäftigten nimmt der Job mehr als 45 Stunden pro Woche in Anspruch. Bei den Vollzeitangestellten betrifft dies sogar ein Drittel. »Überlange Arbeitszeiten« nennt das der Gewerkschaftsbund – und die schränken Mitarbeiter stark ein.

So geben 17 Prozent der Vollzeitbeschäftigten an, sogar 48 Stunden und mehr pro Woche zu arbeiten. Damit wird die Grenze des im Arbeitszeitgesetz erlaubten überschritten. Je länger Menschen arbeiten, desto größer ist der Anteil derjenigen, bei denen dies erhebliche Einschränkungen des Privatlebens bringt. Mehr als die Hälfte derjenigen, die 45 Stunden pro Woche und mehr arbeiten, gaben an, dass Freunde und Familie oft oder sehr häufig »zu kurz kommen«. Bei Menschen, die zwischen 35 und 44 Stunden pro Woche arbeiten, empfindet dies ein gutes Viertel. Außerdem ist der Anteil derer, die von sich selbst sagen, dass sie »nicht richtig abschalten können« ebenfalls höher, wenn sie mehr arbeiten.

»45 Stunden und mehr pro Woche arbeiten – viele Beschäftigte tun das nicht freiwillig«, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach und gab zu bedenken: »›Arbeiten ohne Ende‹ gefährdet die Gesundheit und erschwert, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu kriegen. Wir brauchen neue Regeln, damit die Beschäftigten ihre Arbeitszeit flexibel und selbstbestimmt gestalten können.«


Deutliche Unterschiede gibt es zwischen den Branchen. So gehören im Gastgewerbe überlange Arbeitszeiten zum Normalfall: Mehr als 60 Prozent der Vollzeitangestellten sind davon betroffen. Das markiert den Spitzenwert unter den Berufsgruppen. Hinzu kommen in diesem Zweig generell Arbeitszeiten, die wenig kompatibel mit einem erfüllten Privatleben sind. Doch auch in den Branchen mit den geringsten Anteilen überlanger Arbeitszeiten, wie Finanz- und Versicherungsdienstleistungen oder das Gesundheits- und Sozialwesen, malocht immer noch jeder vierte überlang.

Dieser Einsatz wird noch nicht einmal angemessen vergütet: Ein Drittel derjenigen, die mindestens 45 Stunden pro Woche arbeiten, tun dies oft unbezahlt. Zusätzlich stehen viele von ihnen während der Arbeit unter Zeitdruck oder fühlen sich gehetzt. Ebenso wie die fehlende Erholung ist dies ein Faktor, der krank machen kann. Für den Gewerkschaftsbund ist das Ergebnis der Erhebung so auch ein Handlungsauftrag: Die Gestaltung »menschengerechter Arbeit« wird zum Ende der Auswertung als die »zentrale Herausforderung« der kommenden Jahre genannt.jw

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