15. Februar 2016

Internationale Mission


Auf der Buchmesse in Kuba wird die Lage im verbündeten Venezuela diskutiert
Von André Scheer, Havanna

Die Mission der venezolanischen Gäste auf der Internationalen Buchmesse in Havanna ist klar: Sie rufen in Lesungen und Diskussionsveranstaltungen zur Solidarität mit der Regierung von Präsident Nicolás Maduro auf, der sich scharfen Angriffen der rechten Parlamentsmehrheit ausgesetzt sieht. Am Samstag ergriffen der Essayist Luis Britto García sowie der Publizist und Rundfunkjournalist Vladimir Acosta in der historischen Festungsanlage La Cabaña über dem Hafen von Havanna das Wort. Acosta erklärte dabei erst einmal, dass er nicht als Intellektueller bezeichnet werden wolle. Bei diesem Begriff denke man an weltfremde Wissenschaftler, die sich in den Tiefen der Geschichte oder Religion verlieren. Zwar beschäftige auch er sich gerne mit der Historie, doch sei er in erster Linie ein Revolutionär, der für seine Sache einstehe. Er stehe auf derselben Seite der Barrikade wie die Arbeiter, die sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung wehren.

Acosta ist in Venezuela als jemand bekannt, der streitbar auch Fehler der eigenen Regierung kritisiert. In der kubanischen Hauptstadt merkte er an, dass Maduros Kabinett in den vergangenen Monaten die konkreten Folgen der Wirtschaftssabotage für die Bevölkerung zu nachlässig behandelt habe. So fehlen immer wieder Waren des täglichen Bedarfs in den Geschäften, etwa Toilettenpapier oder das in der venezolanischen Küche unverzichtbare Maismehl. Die rechte Opposition habe das ausgenutzt und im Wahlkampf ein Ende der langen Schlangen vor den Einkaufszentren versprochen. So habe sie am 6. Dezember bei der Parlamentswahl einen Sieg feiern können. Seither blockiere der Rechtsblock mit seiner Mehrheit in der Nationalversammlung alle Maßnahmen Maduros. Umgekehrt könne der Staatschef aber alle Beschlüsse des Parlaments durch sein Veto aufhalten. Es bestehe also ein sehr komplizierter Konflikt zwischen den verschiedenen Staatsgewalten. Es wäre aber ein schwerer Fehler, wegen dieser Probleme auf den revolutionären Kurs verzichten zu wollen, betonte Acosta und griff zu einem biblischen Vergleich: Als Gott mit seiner Schöpfung nicht zufrieden war, »griff er zur barbarischen Vergeltung der Sintflut, die auch alle unschuldigen Tiere und Pflanzen hinwegraffte«. Doch was seitdem auf der Welt passierte, sei schlimmer als zuvor, so Acosta.

Das grundsätzliche Problem seien der Medienkrieg und die Wirtschaftssabotage, die seit Jahren gegen Venezuela geführt würden, so Acosta. Die von den Großkonzernen kontrollierten Radio- und Fernsehstationen nutzten vor allem das Thema Menschenrechte, um Caracas zu attackieren. So verurteile die von Washington kontrollierte Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) Jahr für Jahr Venezuela wegen angeblicher Übergriffe, gleichzeitig gebe es kein Wort der Kritik an Ländern, in denen seit Jahrzehnten ein blutiger Bürgerkrieg herrscht oder in denen Hunderte Frauen verschleppt und ermordet wurden. Während in Caracas auf einem riesengroßen Plakat die Freilassung eines verurteilten Terroristen gefordert werde, werfe man der Regierung eine Einschränkung der Meinungsfreiheit vor.

Als einen Grund für die wirtschaftlichen Probleme Venezuelas führte Acosta Unternehmen an, die als Reaktion auf Gesetze zum Schutz von Arbeitern ihre Produktion nach Kolumbien verlagert haben, »wo sie straflos Gewerkschafter ermorden dürfen«. Von dort würden nun jedoch die Produkte nach Venezuela exportiert, so dass die Regierung überhöhte Preise zahlen müsse, um sie anbieten zu können. Zugleich würden vom venezolanischen Staat subventionierte Waren nach Kolumbien geschmuggelt.

Trotzdem zeigte sich Luis Britto García im Gespräch mit junge Welt überzeugt, dass Venezuelas Präsident auch im nächsten Jahr noch Nicolás Maduro heißen wird. Für ihn sprächen die unbestreitbaren Erfolge der vergangenen 17 Jahre, etwa die gesunkene Armut oder die in dieser Zeit um zwei Jahre gestiegene Lebenserwartung der Venezolaner. »Früher wusste niemand etwas über Venezuela, außer dass von hier alle zwei Jahre eine Miss World oder Miss Universum kam«, sagte er. Heute dagegen verfolge die gesamte Welt das Geschehen in der Bolivarischen Republik. Und selbst US-Präsident Barack Obama habe Venezuela zu einer »außerordentlichen Bedrohung« für die Vereinigten Staaten erklärt, der man in den Arm fallen müsse – »welche Ehre!«
jw

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