3. Februar 2016

Held oder Mörder


Ein niederländischer Exsoldat kämpfte mit den Kurden gegen den IS. Nun ermittelt die Justiz gegen ihn
Von Gerrit Hoekman

Die niederländische Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mehrfachen Mordes gegen den Friesen Jitse Akse. Für viele Niederländer ist der Mann aus Leeu­warden jedoch ein Held. In einer Onlinepetition fordern nach aktuellem Stand mehr als 60.000 Menschen die Einstellung des Verfahrens. »Baut ihm ein Denkmal!« fordert ein User auf Facebook. »Er hat einen Orden verdient und keine Strafe«, schreibt ein anderer.

Jitse Akse hat im vergangenen Jahr in Rojava, dem syrischen Teil Kurdistans, zehn Monate lang für die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) gekämpft. Seit November ist er wieder in den Niederlanden. Offenbar wollte er eigentlich nach dem »Heimaturlaub« nach Syrien zurückkehren, doch am 16. Januar wurde Akse von einem Sondereinsatzkommando in Arnhem verhaftet. Wie seine Rechtsanwältin berichtete, wurde der Unbewaffnete von Polizisten in Handschellen und mit einem Sack über dem Kopf zum Verhör gebracht. Zwar kam er zwei Tage später wieder auf freien Fuß, doch Akse darf die Niederlande bis auf weiteres nicht verlassen. Reisepass und Handy musste er beim Haftrichter abgeben, jede Woche hat er auf der Polizeiwache zu erscheinen.

Anlass für die Festnahme waren anscheinend Interviews, die Akse in den Tagen vorher gegeben hatte. Im Leeuwarder Courant erzählte der 46jährige, er habe als Scharfschütze in einem Wasserturm auf der Lauer gelegen. »Ob ich Menschen getötet habe? Ja. Wie viele? Mehr als zwei? Ja«, bekannte er freimütig. Gewissensbisse habe er keine. »Wenn ich einen IS-Kämpfer ausschalte, rette ich wahrscheinlich Dutzende Leben.« Er betrachtet den IS als Bedrohung für Europa, »dagegen wollte ich etwas tun«. Akse verglich seinen Einsatz gegen den IS mit dem Kampf der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Faschisten.

Die Staatsanwaltschaft sieht das ganz anders. »Niederländische Kämpfer gegen den IS fallen ganz normal unter das niederländische Strafrecht und können verfolgt werden, wenn sie Verbrechen begehen«, erklärte die Anklagebehörde zum Grund für die Ermittlungen. »Das Töten von IS-Kämpfern kann darum zu einer strafrechtlichen Verfolgung wegen Mordes führen.«

jW-Probeabo
Nach Ansicht der Justiz spielt es dabei keine Rolle, dass sich die Niederlande im »Krieg« mit den Dschihadisten befinden, wie Ministerpräsident Mark Rutte nach den Anschlägen von Paris festgestellt hatte. Mit vier Kampfflugzeugen beteiligt sich das kleine Land am Luftkrieg im Irak, in der vergangenen Woche erweiterte das Parlament den Einsatz auf Syrien.

»Wenn die Staatsanwaltschaft Akse wegen Mordes verfolgen will, dann müsste sie auch die niederländischen Piloten verfolgen, die im Auftrag der niederländischen Regierung IS-Mitglieder bombardieren«, urteilte Af­shin Ellian, Professor für Recht an der Universität Leiden, in seiner Kolumne auf der Internetseite des politischen Wochenmagazins Elsevier. Der Unterschied zu den Niederländern, die als IS-Kämpfer nach Syrien gehen, sei riesig. »Dschihadisten wollen Kriegsverbrechen begehen, während die Verteidiger der Kurden genau das verhindern wollen«, erklärte Ellian. Akse habe zwar nicht im Auftrag der Regierung an der Seite der YPG gekämpft, aber immerhin sei er Teil einer Streitmacht gewesen, »die von der niederländischen Regierung und ihren Bündnispartnern militärisch, finanziell und politisch unterstützt wird«. Akse habe deshalb moralisch und vor dem Gesetz korrekt gehandelt – vorausgesetzt, er habe keine Kriegsverbrechen begangen.

Im Oktober 2014 hatte die Staatsanwaltschaft das noch ähnlich gesehen. Damals waren Mitglieder des niederländischen Motorradclubs »No Surrender« nach Kurdistan gegangen. »Selbst wenn sie IS-Kämpfer ermorden, wird die Staatsanwaltschaft sie nicht verfolgen. Solange sie keine Kriegsverbrechen begehen, dürfen sie am bewaffneten Kampf gegen den IS teilnehmen«, hieß es damals. Als Jitse Akse ein Vierteljahr später nach Rojava reiste, konnte er also davon ausgehen, dass auch er nicht verfolgt werden würde.

Ein paar Tage habe er Anfang 2015 gebraucht, um sich mit den Waffen aus russischer Produktion zurechtzufinden, dann sei er bereits an der Front gewesen, berichtete er. Der Mann aus Friesland hat militärische Erfahrung. Zehn Jahre lang war er Soldat in der niederländischen Armee, erst als Fallschirmjäger bei der »11 Luchtmobiele Brigade«, einer schnellen Eingreiftruppe, später dann bei »Dutchbat«, jener Einheit, die im Bosnienkrieg in Srebrenica stationiert war.

Die YPG konnten seine Kenntnisse gut gebrauchen. Deshalb wollte er eigentlich schon im Februar nach Rojava zurückkehren, wo er offenbar dabei helfen sollte, eine »internationale Brigade« aufzubauen und auszubilden. Daraus wird vorerst nichts. Im Moment versteckt er sich an einem geheimen Ort. Leibwächter schützen ihn. Seine Rechtsanwältin fürchtet, dass die Dschihadistenmiliz auf Rache sinnt: »Die Justiz hat ihn in große Gefahr gebracht.« Akses Geschichte ist inzwischen eine Weltnachricht, die vermutlich auch der IS gelesen hat.jw

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