3. Februar 2016

»Griechenland wurde bestraft«


Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler predigt die Allmacht der Märkte. Vertreter der »heterodoxen« Ökonomik ­wollen das ändern. Gespräch mit Wolfram Elsner
Interview: Simon Zeise

Ist es nicht sonderbar, dass die herrschende neoklassische Wirtschaftswissenschaft nicht auf realen Annahmen beruht, sich aber dennoch flächendeckend durchsetzen konnte?

Ja, aber man muss verstehen, dass die Ökonomik der wichtigste Ideologieproduzent für die herrschenden Verhältnisse ist. Als Analyse- und Prognoseinstrument hat die Neoklassik eklatant versagt. Sie hat die Finanzkrise von 2007 nicht nur nicht vorhergesehen, sondern sie auch noch geleugnet. Selbst die britische Queen hatte an der University of London gefragt: »Wie konnte es denn sein, dass die Ökonomen das nicht erkannt haben?« Neoklassiker wollen den kranken Patienten immer mit derselben Medizin heilen.

Und welche Medizin wird verschrieben?

Seit 40 Jahren immer dieselbe: Entstaatlichung von Sozialleistungen und gesellschaftlicher Daseinsvorsorge, Privatisierung des öffentlichen Vermögens und der Infrastruktur, Lohnsenkungen. Gleichzeitig werden staatliche Funktionen wie Schuldenmanagement, Bankensicherung, Rüstung sowie Justiz, Polizei und Geheimdienste gestärkt. Bernard Mandeville hatte bereits in der »Bienenfabel« 1705 für die niedergehenden Feudalschichten formuliert, es sei doch wunderbar, wenn die Reichen prassten und reicher würden, dann brächten sie doch wenigstens Geld unter die Leute. Diese Rechtfertigung wiederholen die Neoklassiker heute in Endlosschleife

Doch das war nicht immer so. Einst gab es auch kritische Ökonomen, Keynesianer und Marxisten. Wieso gibt es von denen heute kaum noch einen?

Der Angriff kam, weil die Herrschenden Ende der 1960er gemerkt hatten, Keynesianismus ist einfach zu gefährlich. Zwar ist er gut für sie, weil er den Kapitalismus am Funktionieren und dynamisch hält, aber er hat den großen Nachteil, dass er die Arbeiter »frech« werden lässt. Über keynesianische Programme bekamen sie eine gewisse Arbeitsplatzsicherheit, Wachstum wurde befördert und Löhne stiegen. In Griechenland wird das bestraft. Dort war es den Arbeitern gelungen, zwischen 2000 und 2010 einen gleichbleibenden Anteil der Löhne am Sozialprodukt durchzusetzen. Das darf in einer blindwütigen, neoliberalen EU nicht sein.

Weshalb sind die Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland besonders konservativ?

Die Herrschenden in Deutschland haben nach dem Zweiten Weltkrieg das Siegerparadigma der USA, die sogenannte neoklassische Synthese, in besonders radikaler Weise übernommen. Der sogenannte Ordoliberalismus, der die »soziale Marktwirtschaft« propagierte, wurde schon vor 1945 entworfen und ließ sich gut anpassen. Der Rollback wurde bereits 1947 in der »Mont-Pelerin-Gesellschaft« vorbereitet und Mitte der 1970er ausgebaut, als Helmut Schmidt als SPD-Kanzler die Regierung übernahm und erklärte, er habe »die Wirtschaft verstanden«. Der Neoliberalismus ist hierzulande nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil sein Gottvater, Friedrich August von Hayek, der das Strategen- und Herrschernetzwerk Mont-Pelerin-Gesellschaft initiiert hatte, und seine »Österreichische Schule« deutschsprachig waren.

Und die »heterodoxen« Ökonomen wollen etwas gegen die neoliberale Vormacht unternehmen?

Genau. Wir untersuchen, wie sich Menschen über Institutionen und Regeln und nicht über »Märkte« koordinieren. In dieser Tradition, die seit Adam Smith, die klassische politische Ökonomie, über Karl Marx, Thorstein Veblen oder John Maynard Keynes bis heute existiert, fassen wir die Ökonomik als Sozialwissenschaft auf. Die anspruchsvolleren unter den Mainstreamern der letzten 20, 30 Jahre arbeiten an unseren Fragestellungen. Dazu zählen auch Nobelpreisträger wie Amartya Sen, Joseph Stiglitz oder Robert Shiller. In jüngerer Vergangenheit hat aus unseren Netzwerken der frühere griechische Finanzminister Gianis Varoufakis für Aufsehen gesorgt. Aber gleichzeitig kämpfen wir als Minderheit von etwa 15 Prozent in der Ökonomik ums Überleben.
jw

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