11. Februar 2016

Geld macht Schule


Bildung hängt in Deutschland noch immer in hohem Maße vom Elternhaus ab. Andere Länder bei herkunftsunabhängiger Förderung deutlich weiter
Von Ralf Wurzbacher

Wie die Gesellschaft, so die Schule. Wer in deutschen Klassenzimmern einmal abgehängt ist, schafft nicht mehr den Anschluss nach oben. Nach einer am Mittwoch vorgelegten Sonderauswertung der internationalen Schulleistungsstudie PISA ist Bildungserfolg hierzulande weiterhin in hohem Maße sozial und familiär prädisponiert. Schulisches Scheitern ist demnach vor allem ein Problem der Kinder aus »bildungsfernem« Milieu, während solche aus reicheren Haushalten deutlich bevorteilt sind. An diesem Zusammenhang hat sich trotz aller Reformbemühungen wenig geändert.

Die Gruppe der sogenannten Low Performer, also jener, die einfachste Aufgaben nicht bewältigen können, ist in Deutschland zwar kleiner geworden, für ein so reiches Land aber immer noch beschämend groß. Nach den Befunden der PISA-Untersuchung von 2012 kommt von den 15jährigen in Mathematik fast jeder fünfte nicht mehr mit, beim Lesen jeder siebte, während in den Naturwissenschaften zwölf Prozent bestenfalls die unterste der sechs PISA-Kompetenzstufen erreichen. Beispielsweise haben die Betroffenen Schwierigkeiten, den Beipackzettel von Medikamenten zu verstehen.

»Diese Schüler werden es im Berufsleben sehr schwer haben«, gab der Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Andreas Schleicher, am Mittwoch in einer Videokonferenz zu bedenken. Erhebungen zeigten, dass es im Erwachsenenalter »kaum Chancen gibt, solche Defizite auszugleichen«. Als Ursache für schwache Leistungen sieht Schleicher »eine Kombination und Akkumulation verschiedener Hürden und Benachteiligungen«. Ausschlaggebend sei aber vielfach ein niedriger sozioökonomischer Status. Zwar hat Deutschland in diesem Punkt Fortschritte gemacht. Laut Schleicher gelingt es aber Staaten wie den Niederlanden, Kroatien, Korea und China weit besser, soziale Herkunft und Bildungserfolg zu entkoppeln

In der BRD haben Jugendliche aus armen Verhältnissen immer noch ein viermal so hohes Risiko, zum Schulversager zu werden, als ihre Altersgenossen aus wohlhabendem Elternhaus. Weitere Faktoren, die zu schulischem Misserfolg betragen können, sind das Aufwachsen mit nur einem Elternteil, Wohnen in einer ländlichen Region sowie ein Migra­tionshintergrund. Die Wahrscheinlichkeit, als Einwandererkind in der Schule nicht mitzuhalten, ist dreimal so groß wie das von Kindern mit deutschen Eltern. Einen starken Einfluss auf Schulleistungen hat auch das Geschlecht. So haben Mädchen überdurchschnittlich oft schlechte Karten in Mathematik, während Jungen häufiger beim Lesen patzen.

Als Gründe für das verbesserte Abschneiden Deutschlands gegenüber den PISA-Vorgängerstudien nannte Schleicher die Anstrengungen beim Kitaausbau, den Bildungsauftrag der Kitas, mehr Ganztagsschulen, bundesweite Bildungsstandards, eine bessere Lehrerausbildung sowie eine stärkere Förderung von Migranten. Die OECD-Spitzenränge seien für Deutschland trotz aller Fortschritte allerdings noch weit weg, meinte Schleicher. Nötig wären mehr bedarfsgerechte Ressourcen, Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel und der Abbau der schulischen Selektion. Besonders die chinesische Großregion Schanghai oder Singapur sollten als Vorbilder dienen: »Denen gelingt es, die besten Köpfe für den Lehrerberuf zu gewinnen«. So würden Defizite auch bei Risikoschülern mit schwierigem sozialen Hintergrund spürbar minimiert.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mahnte angesichts der Befunde Schritte in Richtung eines inklusiven Schulsystems an. So hätten sich vor allem »pädagogische Freiheiten als leistungsfördernd erwiesen, beispielsweise mit Blick auf die Lehrpläne oder die Leistungsdiagnose«. Auch die Herausforderung, die zugewanderten und geflüchteten Kinder zu integrieren, mache es dringend erforderlich, »das Bildungswesen inklusiv statt selektiv weiterzuentwickeln«, erklärte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied für den Bereich Schulen. Sie empfiehlt, die »frühkindliche Bildung auszubauen, das Sitzenbleiben abzuschaffen und Frühwarnsysteme zu etablieren oder sozial benachteiligte junge Menschen beispielsweise in Mathematik gezielt zu unterstützen«. In ihrer Stellungnahme erinnerte Hoffmann allerdings daran, dass die Politik gerade anderes im Schilde führt. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte im vergangenen Sommer angekündigt, verstärkt Hochbegabte und Leistungsstarke zu fördern. Eine gute Schule lasse ihre »Talente nicht verkümmern«, sagte die damals amtierende KMK-Präsidentin Brunhild Kurth (CDU). Das sei einfach eine Frage der Bildungsgerechtigkeit. jw

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