11. Februar 2016

Gefährliche Puppenspieler


Spanien: Polizei nimmt Theaterduo wegen »Verherrlichung des Terrorismus« fest. Wegen eines Wortwitzes drohen den beiden sieben Jahre Haft
Von Carmela Negrete

Mitten in der Vorführung eines Puppentheaters hat die spanische Polizei am vergangenen Freitag in Madrid die Schauspieler festgenommen. Die Begründung: Das Duo »Títeres desde Abajo« (Handpuppen von unten) soll in dem Stück »Die Hexe und Don Cristóbal« den »Terrorismus« verherrlicht haben. Das Stück richtete sich nicht in erster Linie an Kinder, einige Eltern hatten aber ihren Nachwuchs zu der Aufführung mitgebracht.

In der Geschichte wird ein Richter am Galgen gehängt, ein Polizist verkörpert die Rolle des Bösen. Die Hexe erscheint schließlich mit einem Plakat mit der Aufschrift »Gora Alka-ETA« (Hoch lebe Alka-ETA) – ein Wortspiel mit einer Parole der 2014 aufgelösten baskischen Untergrundorganisation ETA und dem Namen der Islamistenmiliz Al-Qaida. »Wenn die Puppenspieler mit ihrem Stück darlegen wollten, dass die Mächtigen den Terrorismus als Vorwand benutzen, um gegen Dissidenten vorzugehen, dann haben sie ihr Ziel zweifellos erreicht«, kommentierte der Chefredakteur des Online­portals eldiario.es, Ignacio Escolar, den Vorfall.

Die Künstler saßen wegen angeblicher Fluchtgefahr fünf Tage in Untersuchungshaft, ehe sie am Mittwoch abend vorläufig freigelassen wurden. Festgehalten worden waren sie in den Zellen des nationalen Strafgerichtshofs Audiencia Nacional, der für die Verfolgung von Terroristen zuständig ist und in der Vergangenheit immer wieder wegen Foltervorwürfen in der Kritik stand. »Jeder, der die Aussage auf dem Plakat der Verdächtigen liest, kann bestätigen, dass mit diesen Worten terroristische Taten gerechtfertigt und auch die Terroristen selbst verherrlicht werden«, erklärte Richter Ismael Moreno. Die Tatsache, »dass das in einem Puppenspiel stattfindet«, mache die Tat nicht weniger strafwürdig. Moreno, der zu Zeiten der Franco-Diktatur Polizeiinspektor war, fordert weiterhin eine Anklage des Duos. Den beiden Schauspielern drohen bis zu sieben Jahre Haft, ihre Pässe wurden eingezogen, und sie dürfen nicht ins Ausland reisen. Der Fall hat auch in der Stadtregierung von Madrid für Unruhe gesorgt. Bürgermeisterin Manuela Carmena erntete Kritik aus den eigenen Reihen. Die Bürgerplattform »Ganemos Madrid«, aus der Carmenas Partei »Ahora Madrid« hervorgegangen war, warf ihr »fehlenden Mut« vor.

Der Fall der beiden Puppenspieler ist dabei nicht der erste politischer Zensur in der jüngeren Vergangenheit in Spanien. Im Januar 2015 war der Moderator Facu Díaz angeklagt worden, weil er sich in seiner Satiresendung der »Demütigung der Opfer des Terrorismus« schuldig gemacht haben sollte. Der zuständige Richter stellte das Verfahren ein. Bereits 2009 hatte sich das Gericht mit Pfiffen von Zuschauern während des Abspielens der spanischen Nationalhymne bei einem Fußballspiel befasst. Der Vorwurf damals hieß »Beleidigung des spanischen Staats«, das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Auch bei Witzen über das Königshaus versteht Spaniens Justiz wenig Spaß. Im Jahr 2007 wurde die bereits ausgelieferte, gesamte Auflage einer Ausgabe des Satiremagazins El Jueves von sämtlichen Kiosken konfisziert, weil die Titelseite eine humoristische Verunglimpfung des damaligen Prinzen und heutigen Königs Felipe de Borbón und seiner Frau Leitizia Ortiz zierte. jw

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