2. Februar 2016

»Fracking untersagen und das ohne Schlupflöcher«


NRW will diese Öl- und Gasfördermethode angeblich ­ausschließen. Fachleute zweifeln aber daran. Ein Gespräch mit Udo Buchholz
Interview: Interview. Gitta Düperthal

Fracking, um Erdgas zu fördern, werde im neuen Landesentwicklungsplan, LEP, für Nordrhein-Westfalen ausgeschlossen, hatte Staatskanzleichef Franz-Josef Lersch-Mense, SPD, am Montag in Düsseldorf vor Journalisten verkündet. Der BBU dagegen meint, das stimme nicht; die SPD-Grünen-Landesregierung betreibe ein falsches Spiel – wieso?

Wie wir es einschätzen und unsere Fachleute es analysiert haben, schließt besagter Entwurf des Landesentwicklungsplans keineswegs aus, dass Fracking in NRW nicht doch durch die Hintertür vollzogen werden kann. Beim Fracking wird Gestein in bis zu 5.000 Meter Tiefe unter Einsatz eines Gemisches aus Wasser, Sand und Chemikalien mit Druck aufgebrochen, um Gas zu fördern – wobei es verschiedene Möglichkeiten gibt: Im am Montag von der Staatskanzlei in Düsseldorf vorgestellten LEP ist all das sehr undifferenziert dargestellt. Entsprechend viele Lücken bleiben für die Fracking-Industrie, ihrem Geschäft weiter nachzugehen, mit der Folge unkalkulierbarer Risiken für Umwelt und Trinkwasser.

In welcher Weise hat die NRW-Landesregierung getrickst?

Fracking findet in unterschiedlichen Gesteinstypen statt, in Sandstein und Tonstein: In Sandstein wird schon seit Jahrzehnten gefrackt, überwiegend in Niedersachsen. Unter Hochdruck werden dabei Gesteinsschichten aufgesprengt, aus denen das Erdgas dann aufsteigen kann. In der Tiefe entstehen dabei große Mengen Abwasser, die mit gefährlichen Chemikalien und Radioaktivität verseucht sind. Der Diplom-Physiker und Fracking-Experte Oliver Kalusch ist der Meinung, dass die rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen Fracking einfach umdefiniert hatte – die gleichfalls so besetzte Landesregierung in NRW hatte letzterer nicht in die Suppe spucken wollen.

Wie ist das im Detail zu erklären?

Niedersachsen hat Fracking-Lagerstätten, sogenannte Tight-Gas-Reservoirs, im Gegensatz zur jahrzehntelangen Praxis nun als konventionell umdefiniert – damit als angeblich weniger umweltgefährdend. Als unkonventionell gelten jetzt nur noch Lagerstätten im sogenannten Schiefergestein. Weiterhin gilt: Gasblasen anstechen, alles was quasi von selber strömt und nicht künstlich durch Aufbrechen von Gestein erzeugt wird, ist konventionell.

Aus unserer Sicht ist es egal, ob konventionell oder unkonventionell, denn auch an drei vermeintlich umweltverträglichen, eben als konventionell ausgegebenen Stätten in Niedersachsen gab es erhöhte Krebsraten. Untersuchungen der Umweltauswirkungen der circa 330 Fracks in diesem Bundesland hat es nie gegeben.

Der aus NRW stammende Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel, Obmann der Fraktion Die Linke im Umweltausschuss, hatte empört registriert, dass dpa am Montag meldete, Kritiker des Fracking hätten sich durchgesetzt, obgleich das nicht der Fall sei. Wie kommt es zu dieser Presseberichterstattung?

Der Experte Oliver Kalusch meint dazu, dass die Staatskanzlei beim Pressegespräch am Montag in Düsseldorf offenbar Nebelkerzen geworfen hat, indem sie fälschlich erklärte, dass Fracking in NRW nun angeblich samt und sonders verboten sei. Die Agentur hatte dies berichtet; entsprechend erschien es in den meisten lokalen Tageszeitungen. Die Staatskanzlei habe nicht sauber informiert, obgleich Einwände von Experten und Umweltverbänden ihr durchaus bekannt waren. Insbesondere der BBU und Mitglieder der Initiative »Gegen Gasbohren« hatten ihre Ansicht zu dieser Mogelpackung schon zuvor bekanntgegeben. Wir fordern die Landesregierung auf, solch irreführende Informationspolitik zu unterlassen und Fracking zu untersagen, und das ohne Schlupflöcher.

Welche Interessen verfolgt die Landesregierung mit ihrem Vorgehen?

Bei uns entsteht der Eindruck, dass sie einseitig an der Industrie orientiert ist und kaum die Interessen und Sorgen der Bevölkerung vor Augen hat. Genau das haben wir auch in anderen Bereichen wie der Kohle- oder Atomindustrie beobachtet. Diese rot-grüne Landesregierung stellt sich gern umweltfreundlich dar, bietet aber Unternehmen nicht die Stirn. Hintertüren hält sie stets servil offen.
jw

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