9. Februar 2016

»Es sind Geschichten, die in der Schule nicht erzählt werden«


Verein unternimmt Studienreisen mit Jugendlichen, die sich gegen Rassismus und Faschismus engagieren. Gespräch mit Anika Taschke
Interview: Markus Bernhardt

Sie sind Geschäftsführerin von »Zivilcourage vereint«. Welche Ziele verfolgt der Verein?

Er wurde von unserer Vorsitzenden Gesine Lötzsch, Bundestagsabgeordnete für Die Linke, ins Leben gerufen, um jungen Menschen für ihr tägliches Engagement im Bereich Antirassismus, Toleranz und Antifaschismus zu danken. Deshalb schreiben wir unter anderem seit mehr als zehn Jahren einen Wettbewerb aus, bei dem sich junge Menschen mit ihren Projekten bewerben können. Preis ist eine Stu­dienreise auf den Spuren des antifaschistischen Widerstandes.

Was hat Sie bei dieser Arbeit am stärksten bewegt?

2013 reisten wir nach Reggio Emilia. 1944 verübten Truppen der SS dort Massaker. Es sind Geschichten, die in der Schule nicht erzählt werden. Obwohl ich mich viel mit der Nazizeit auseinandergesetzt hatte, wurde ich hier doch sehr von den Ereignissen überrascht. Wir trafen verschiedene Zeitzeugen, die unserer Jugendgruppe gegenüber sehr aufgeschlossen waren und alle unsere Fragen beantworteten.

Welche Fragen stellen die jungen Menschen heutzutage?

Es ist sehr unterschiedlich und kommt auf den Ort an, an den wir reisen. 2014 in Frankreich fuhren wir in Begleitung von Beate Klarsfeld nach Oradour-sur-Glane und trafen einen der letzten Überlebenden des Massakers vom Juni 1944. Eine Teilnehmerin fragte ihn, wie es sei, eine Gruppe Deutscher durch das Dorf zu führen. Er antwortete, dass wir alle Menschen seien und er niemanden hassen könne. Er hofft nur, dass so etwas in Europa und der Welt nie wieder passieren wird.

Sie kommen als Organisatorin dieser Stu­dienreisen den Teilnehmern sehr nah. Welche Momente motivieren Sie dabei?

2015 zum Beispiel fuhren wir nach Belgrad und Zagreb. Wir hatten zwei Teilnehmerinnen aus Nauen dabei. Eines Morgens berichteten ihnen Freunde, dass in ihrer Heimatstadt eine Turnhalle angezündet worden war, in die Geflüchtete einziehen sollten. Erst überlegten die beiden abzureisen, entschieden sich dann aber, von Belgrad aus mitzuhelfen, Menschen für eine Kundgebung zu organisieren und Pressetermine zu vereinbaren. Es war spannend, sie in diesen sehr konkreten Aktivitäten zu erleben.

Inwiefern beeinflussen die aktuellen Geschehnisse in der Flüchtlingspolitik Ihr Projekt?

In Belgrad waren wir im vergangenen Sommer – bevor Grenzzäune gezogen wurden. Hunderte Menschen warteten am Bahnhof, um weiterreisen zu können. Die Situation war trotzdem noch ruhig. Obwohl die steigende Zahl der Geflüchteten unseren unmittelbaren persönlichen Alltag kaum berührt, gibt es sehr viele junge Menschen, die täglich für diese Menschen da sind. Mir scheint, es gibt einen Wandel der Projekte, die sich bei uns bewerben. Der Fokus liegt viel mehr auf den heutigen Geschehnissen. Doch es gibt auch weiterhin sehr viele junge Menschen, die sich mit der Vergangenheit und oft mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen.

Wohin führt die Studienreise in diesem Jahr?

Wir werden im Juni nach Katalonien fahren. Wir möchten auf den Spuren der Internationalen Brigaden wandern, deren 80. Jahrestag wir in diesem Jahr begehen. Neben der historischen Perspektive wollen wir aber auch immer die aktuellen politischen Geschehnisse thematisieren. So versuchen wir etwa, ein Gespräch mit der Bürgermeisterin von Barcelona zu organisieren.

Bis wann kann man sich bewerben?

Einsendeschluss ist der 6. April. In den vergangenen Jahren wurden vor allem Gedichte, Zeitzeugeninterviews, Stolpersteinprojekte oder Schulprojekttage zum Thema Flucht eingereicht. Wir hatten aber auch schon Hip-Hop-Songs, Kurzfilme und Fotoausstellungen zu den verschiedenen Themen.

Wie finanzieren Sie Ihr Projekt?

Finanziert werden wir durch Spenden. Zum größten Teil werden wir durch die Linksfraktion im Bundestag unterstützt. Hier engagieren sich mehrere Abgeordnete, wie die gesamte Landesgruppe Brandenburg in unserem Verein. Zudem bekommen wir viele private Spenden. Ein weiterer Hauptsponsor sind die Brüder Melis, deren Eltern in der Résistance waren.

jw

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