16. Februar 2016

»Eine fundamentale Entsolidarisierung«


Krankheiten sind nicht nur Ausdruck der eigenen Lebensführung. Gespräch mit Stefan Sell
Interview: Ralf Wurzbacher

Der Chef der Techniker-Krankenkasse (TK), Jens Baas, hat angekündigt, künftig auf die mit Fitnessarmbändern, Smartphone oder Smartwatch gewonnenen Gesundheitsdaten der Versicherten zugreifen zu wollen. Können Sie sich schon ausmalen, wohin das führt?

Um ein Bild zu gebrauchen: Wir werden auf eine Rutschbahn nach unten gesetzt. Am Ende steht die Verwirklichung einer radikalen Individualisierung der Krankenversicherung, bei der immer passgenauer nach »guten« und »schlechten« Risiken differenziert werden kann. Wobei die Definition von Risiken von übergeordneten, der Schadensökonomie verpflichteten Maßstäben bestimmt sein wird.

Angenommen, es kommt so, dass sich Versicherungstarife künftig an der Fitness bemessen. Dann müsste doch umgekehrt Kostenbewusstsein die Gesundheit fördern. Klingt doch gut, oder?

Aber nur dann, wenn man davon ausgeht, dass »Gesundheit« bzw. »Krankheit« ausschließlich individuell determiniert und dann auch noch durch persönliche Aktivitäten beeinflussbar ist. Aber viele Erkrankungen sind genetisch oder – weitaus komplexer und gefährlicher für die Betroffenen – durch die Lebenslagen bestimmt. Im Ergebnis muss das dazu führen, dass die »guten Risiken« auch noch finanziell entlastet und die anderen noch stärker belastet oder gar irgendwann einmal ausgeschlossen werden. Der Sozialversicherungscharakter würde so ad absurdum geführt.

Sie haben in Ihrem Blog »Aktuelle-Sozialpolitik« konstatiert: »Wir wandern stolpernd, aber sicher in den Überwachungskapitalismus, dessen Ausformungen sich viele schlichtweg nicht vorstellen können/wollen.« Ist Herr Baas also ein Ignorant?

Er ist auf alle Fälle versicherungsbetriebswirtschaftlich überaus rational, denn durch die umfassende Preisgabe immer mehr persönlicher Messwerte verlieren die Versicherten ihren »Vorteil«, mehr über sich zu wissen als die Versicherungen – das war und ist bislang das größte Hindernis für eine risikobezogene Differenzierung der Beiträge.

Der TK-Chef beteuert, der Versicherte bleibe »Herr über seine Akte«, und er will auch nicht dahin, »Tarife mit gesundheitsbewusstem Verhalten zu verknüpfen«. Kein Grund zur Sorge also?

Die gesetzlichen Krankenkassen folgen hier doch nur der Logik der privaten Versicherungen. Die Generali-Gruppe beispielsweise fungiert als Eisbrecher in dieser Angelegenheit. Hier werden klare monetäre Vorteile denen eröffnet, die sich messtechnisch ausziehen und die Datenhoheit abgeben. Anders kann das ja auch logisch nicht funktionieren: Daten gegen Prämienentlastung. Alle anderen müssen das dann finanziell kompensieren, werden also schlechter gestellt.

Immerhin will Justizminister Heiko Maas (SPD) prüfen lassen, »die Verwendung bestimmter Gesundheitsdaten auf Grundlage des neuen EU-Datenschutzrechts einzuschränken«. Sie wiegt er damit nicht in Sicherheit, oder?

Die eigentliche Herausforderung ist die elektronische Patientenakte: Man muss man verhindern, dass die Krankheitsbiographie – und die Lebensstildaten – hier abgelegt werden. Wenn das erst einmal passiert, dann bekommt man die Verwertungs- und Missbrauchsinteressen kaum noch in den Griff. Es beginnt mit Beitragsvorteilen für die einen und wird in einer fundamentalen Entsolidarisierung der Krankenversicherung enden.
jw

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