11. Februar 2016

Ehemaliger SS-Mann schweigt


Eines der letzten Verfahren wegen faschistischer Verbrechen hat begonnen

In einem der letzten großen Prozesse zu den Verbrechen des NS-Faschismus steht seit Donnerstag in Detmold ein früherer SS-Wachmann aus dem Vernichtungslager Auschwitz vor Gericht. Der 94jährige Reinhold Hanning muss sich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen verantworten.

Auch frühere KZ-Insassen verfolgten den Prozessauftakt. Ein Auschwitz-Überlebender forderte als erster Zeuge den Angeklagten zur Aussage auf. »Wir sind fast gleich alt, und wir stehen bald beide vor dem höchsten Richter. Ich möchte Sie auffordern, uns die historische Wahrheit zu sagen«, sagte der ebenfalls 94jährige Leon Schwarzbaum. In Auschwitz wurden nach Angaben des Nebenklägers 35 seiner Verwandten von den Nazis ermordet. »Sprechen Sie an diesem Ort darüber, was Sie und Ihre Kameraden getan oder erlebt haben«, forderte ihn Schwarzbaum auf.

Der Angeklagte äußerte sich am ersten Verhandlungstag nicht. Hanning ist gesundheitlich angeschlagen und hatte nach Angaben der Verteidigung vor kurzem einen Zusammenbruch erlitten. Laut einem gerichtlich bestellten ärztlichen Gutachter ist er verhandlungsfähig, allerdings für höchstens zwei Stunden pro Tag. Angaben des Angeklagten zu den Vorwürfen seien »derzeit« nicht geplant, sagte dessen Verteidiger Johannes Salmer am Donnerstag. »Wir wollen erst einmal die Zeugen hören und werden dann entscheiden, was wir tun.« Der Prozess wird am heutigen Freitag fortgesetzt. Angesetzt sind für das Verfahren zunächst Termine bis in den Mai. Da das Landgericht Detmold über keine ausreichend großen Säle verfügt, sind die Verhandlungen in die Industrie- und Handelskammer verlegt worden.

Hanning hatte bereits vor dem Prozess eingeräumt, in Auschwitz beim sogenannten SS-Totenkopf-Sturmbann im Stammlager eingesetzt gewesen zu sein. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe bei der »Ungarn-Aktion« vor – der gut dokumentierten Deportation und Ermordung von Juden aus Ungarn 1944. Er habe die Tötungsmethoden im KZ gekannt und mit seinem Einsatz als Wachmann zum Funktionieren der Maschinerie beigetragen. Eine Beteiligung an Tötungshandlungen hat Hanning bislang bestritten. Der Anklage zufolge wusste H. jedoch, dass die Deportierten in Birkenau ständig »in großer Zahl« grausam sowie heimtückisch vergast wurden und dass im Stammlager Massenerschießungen und Selektionen für die Gaskammern stattfanden.

Zum Prozessauftakt war auch die verurteilte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck erschienen. Die 87jährige wurde vor dem Eingang von Anwesenden bedrängt und musste von der Polizei geschützt werden. Die in neofaschistischen Kreisen populäre Haverbeck wurde zuletzt wegen Volksverhetzung in zwei Fällen zu zehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Sie hatte im April 2015 am Rande des Lüneburger Prozesses gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning vor Journalisten behauptet, das KZ Auschwitz sei kein Vernichtungs-, sondern ein Arbeitslager gewesen. (dpa/AFP/jW)

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