15. Februar 2016

»Die meisten Einrichtungen sind unterbesetzt«


Initiativen der Geflüchtetenhilfe wenden sich in einem offenen Brief an Berlins Regierenden Bürgermeister. Gespräch mit Ludger Lemper
Interview: Gitta Düperthal

In einem offenen Brief fordern aktuell 31 Berliner Unterstützergruppen die Regierenden und verantwortlichen Entscheider in der Hauptstadt auf, die Situation der Geflüchteten so zu gestalten, dass ehrenamtliche Helfer nicht ständig nur staatliches Versagen kompensieren müssen. Inwiefern versagt der Staat?

Im Lageso, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in der Turmstraße, gibt es nach wie vor Warteschlangen. Geflüchtete aus Notunterkünften, die dort Geld abholen oder sich registrieren lassen wollen, warten oft wochenlang auf einen Termin. Selbst in einer normalen Einrichtung mit Selbstverpflegung lebende Menschen müssen auf die ihnen zustehende Leistung warten und befinden sich in Armut. Wir fordern, keine Massenlager mehr einzurichten und nicht mehr als 50 Personen in einer Unterkunft unterzubringen:

Bundesweit schotten Behörden und Betreiber von Unterkünften sich gegen freiwillige Helfer ab – auch in Berlin?

Einige Unterkünften sind auch deshalb mit Security umstellt, weil es rechte Drohungen oder eine reale Anschlagsgefahr gibt. Auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens, wo die größte Massenunterkunft mit demnächst mehr als 10.000 Menschen geplant ist, sind Besuche kaum möglich. Demnächst soll der Zugang verbessert werden, was dringend erforderlich ist. Eine solche Einrichtung für Geflüchtete generell von der Bevölkerung abzuschirmen, also ohne jeden Außenkontakt, ist katastrophal – das Gegenteil von Integration!

Wird »Schutz vor Rechten« nicht als Ausrede gebraucht, um zu vertuschen, dass mancherorts alles andere als »Willkommenskultur« herrscht – Sicherheitskräfte könnten doch Helfer bitten, sich auszuweisen und Taschen durchsuchen …

Bei Unterkünften mit seriösen Trägern in Berlin funktioniert es sowieso, insbesondere wenn Helfer bekannt sind. Die meisten Einrichtungen sind aber personell unterbesetzt, Mitarbeiter reagieren überfordert. Auch bei Landes- und Bundesbehörden ist das der Fall, etwa beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, BAMF.

Im offenen Brief der Initiativen heißt es: »Wir wollen helfen, Brücken zu bauen – und nicht Betten.« Was sind sinnvolle ehrenamtliche Aufgaben und was nicht?

Freiwillige Helfer können und wollen helfen, Kontakte zur Bevölkerung aufzubauen, und bei Missverständnissen vermitteln, die auf kulturellen Unterschieden beruhen – auch gegenüber Behörden. Wir können diese beraten, weil wir im Austausch mit den Flüchtlingen viel erfahren haben. Es kann kaum funktionieren, wenn etwa Jobcenter sagen: Wir behandeln Geflüchtete wie jeden anderen Migranten. Diese Menschen mussten vor Krieg fliehen, konnten sich kaum auf eine Arbeitsaufnahme hierzulande vorbereiten. Oft haben sie keine Papiere, ihre Ausbildung im Herkunftsland ist mit der hiesigen nicht vergleichbar. Ein duales Ausbildungssystem mit Berufsschule gibt es etwa in Syrien nicht.

Was ist im Ehrenamt nicht zu leisten?

Versorgung in Kleiderkammern, ständige Begleitung zu Ämtern, Betten aufbauen oder Essensausgabe, das geht in einer ersten Notsituation, ist aber nun professionell zu erledigen. Betreiber sind finanziell auszustatten, um dringend benötigte Fachkräfte, auch Sozialarbeiter, einstellen zu können. Wir appellieren an den Regierenden Bürgermeister von Berlin Michael Müller, den Senat, die Abgeordneten des Abgeordnetenhauses, die Bezirksbürgermeisterinnen und -bürgermeister und die Mitglieder der Bezirksverordnetenversammlungen, dies zu regeln. Es muss zudem Kontrollen geben, um Missbrauch durch unseriöse Betreiber zu verhindern, etwa Zweckentfremdung von Wohnraum: Da werden beispielsweise fünf Menschen in einer kleinen Wohnung untergebracht für 36 Euro pro Tag und pro Person, obgleich die Räume regulär vermietet werden müssten. Ein anderes Beispiel ist Doppelfinanzierung: Matratzen wurden über Spenden bezahlt, aber zugleich finanziert sie obendrein das Lageso. Es gibt also viel zu tun, um das Staatsversagen zu beheben.

Interview: Gitta Düperthal


jw

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