15. Februar 2016

Den Sahel im Visier


Bundespräsident Gauck in Nigeria und Mali. Möglichkeit für Markteinstieg der deutschen Wirtschaft »günstig wie seit Jahren nicht«
Von Jörg Kronauer

Erst die letzte Station der fünftägigen Reise, die Bundespräsident Joachim Gauck vergangene Woche nach Westafrika unternahm, hat an der Heimatfront für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt. Truppenbesuch in Mali stand auf dem Programm. Prompt waren die deutschen Medien zur Stelle und berichteten über die Gespräche des Präsidenten in der Hauptstadt Bamako und über seinen Auftritt im nahe gelegenen Militärlager »Camp Gecko«. Rund 200 Soldaten der Bundeswehr sind zur Zeit dort stationiert. Im Rahmen eines EU-Einsatzes (European Union Training Mission, EUTM, Mali) bilden sie malische Militärs für den Kampf gegen Aufständische und Terrorgruppen aus, die das Land seit vier Jahren unsicher machen. Der Staat mit einer fast viermal so großen Fläche wie die BRD und mehr als 15 Millionen Einwohnern wird aktuell ein neuer Schwerpunkt der deutschen Auslandsinterventionen: EUTM Mali besteht fast zur Hälfte aus Bundeswehr-Truppen und steht unter deutscher Führung. »EUCap Sahel Mali«, eine EU-Polizeitruppe, wird von einem deutschen Diplomaten geleitet. Darüber hinaus weitet die Bundeswehr gerade ihre Beteiligung an Minusma, der UN-Truppe im Norden des Landes, auf bis zu 650 Soldaten aus. Weil diese als die aktuell gefährlichste UN-Mission gilt, künftige Anschläge auf deutsche Militärs also keineswegs unwahrscheinlich sind, hilft Gaucks Besuch im »Camp Gecko«, die deutsche Öffentlichkeit auf die neue Lage einzustimmen.

Materielle Ziele hat Gauck hingegen mit seinem vorangegangenen Besuch in Nigeria verfolgt. In dem Land, dessen Volkswirtschaft inzwischen die größte in Afrika südlich der Sahara ist, stand vor allem der Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen auf dem Programm. Allen Bemühungen Berlins zum Trotz spielt Afrika für die deutsche Industrie mit einem Anteil von lediglich 1,3 Prozent am gesamten Außenhandel bei niedrigen Investitionen nur eine geringe Rolle. Nigeria ist – außer Südafrika – das einzige Land südlich der Sahara, dessen Käufe in der Bundesrepublik die Milliarden-Euro-Schwelle übersteigen und immerhin annähernd den Wert der Exporte aus der BRD zum Beispiel in das kleine Lettland erreichen. Weil die deutschen Profite endlich auch in Afrika steigen sollen, reiste der Bundespräsident am vergangenen Montag mit einer Wirtschaftsdelegation nach Lagos und Abuja. Auf dem Energiesektor besitzt Nigeria freilich schon jetzt erhebliche Bedeutung für Deutschland: Es hat 2013 Libyen als größten außereuropäischen Erdöllieferanten der Bundesrepublik abgelöst. Am Rande von Gaucks Besuch fand nun, unter Beteiligung zweier Staatssekretäre aus Berlin, die Jahreskonferenz der deutsch-nigerianischen Energiepartnerschaft statt, die 2008 gegründet worden war und deutschen Firmen in Nigeria Zugänge auch jenseits der Erdölbranche verschafft – etwa bei der Nutzung erneuerbarer Energieträger. Deutsche Unternehmer vor Ort seien sich einig, hatte der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft im Oktober geurteilt: »Für einen Markteinstieg in Nigeria ist der Zeitpunkt so gut wie seit Jahren nicht.« Man wird sehen, ob Gaucks Mission Erfolg beschieden war.

Gesprächsthema war in Nigeria allerdings auch dschihadistischer Terror. Die nigerianische Boko Haram, eine der am furchtbarsten wütenden Dschihadistenmilizen der Gegenwart, spielte für Berlin bislang vor allem in Sonntags- und Präsidentenreden eine Rolle. Das könnte sich ändern. Mit dem neuen Interventionsschwerpunkt in Mali und dem möglichen Bundeswehr-Einsatz zur Ausbildung libyscher Truppen nimmt Berlin immer stärker den Sahel ins Visier. Dabei dürfe man sich nicht auf einzelne Länder beschränken, sondern müsse außen- und militärpolitisch »noch stärker auf regionale Ansätze« orientieren, also auf Einflussmaßnahmen in dem gesamten riesigen Gebiet, empfahl Ende 2015 die Bundesakademie für Sicherheitspolitik. Frankreich tut das schon lange und widmet inzwischen auch Boko Haram Aufmerksamkeit, weil diese Truppen den Sahel von Süden aus destabilisieren. Da Berlin auch in Westafrika auf Dauer wohl kaum akzeptieren wird, dass Paris die erste Geige spielt, könnten Gaucks Gesprächen weitere deutsche Schritte in puncto Boko Haram folgen.
jw

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