11. Februar 2016

Auf dem Boden der Tatsachen


Globale Studie zum Ausmaß der Vernichtung der Grundlage der Nahrungserzeugung: Verluste auf 300 Milliarden US-Dollar jährlich beziffert
Von Jana Frielinghaus

Es spricht sich langsam herum: Fruchtbares Land ist eine »nicht erneuerbare Ressource«. Ist fruchtbarer Boden erst einmal weggeschwemmt, durch Monokulturen ausgelaugt und das in ihm wohnende vielfältige Leben abgetötet, ist er auf lange Sicht verloren. Claus Töpfer sprach am Donnerstag in Berlin sogar von 2.000 Jahren, die es brauche, bis eine Humusschicht sich neu gebildet habe.

Der CDU-Politiker und ehemalige Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) stellte gemeinsam mit Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Uni Bonn, und Stefan Schmitz vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung eine Studie zur »weltweiten Degradierung von Land und Böden« und deren Kosten für die Gesellschaft vor.

Der Befund dürfte niemanden überraschen: Die Lage ist im höchsten Maße alarmierend. Zugleich wird das von der Politik noch immer kaum wahrgenommen. »Boden ist die am meisten vernachlässigte natürliche Ressource«, konstatierte von Braun. Zu besichtigen war die Ignoranz von Staatschefs und Repräsentanten der Wirtschaft zuletzt auf der Weltklimakonferenz Ende vergangenen Jahres in Paris, auf der die grundlegende Bedeutung des Bodens und der Landwirtschaft beim Klimaschutz faktisch keine Rolle spielte.

Der am Donnerstag vorgestellten Untersuchung zufolge – die Daten dafür wurden innerhalb von viereinhalb Jahren von Tausenden Forschern in allen Teilen der Welt mit modernsten Methoden zusammengetragen – ist allein in den letzten 30 Jahren etwa ein Viertel der globalen Ackerfläche »degradiert«, also zur Produktion von Lebensmitteln nicht mehr oder nur noch eingeschränkt nutzbar. Von den Weideflächen ist ein Drittel betroffen, auch 23 Prozent der Waldböden sind verödet.

Die wirtschaftlichen Folgen des achtlosen Umgangs mit dem Boden sind dramatisch. Die Verfasser der Studie beziffern die dadurch verursachten gesamtgesellschaftlichen Verluste auf 300 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Etwa 30 Prozent der Landfläche und damit der Lebensraum von 3,2 Milliarden Personen, also etwa 43 Prozent der Weltbevölkerung, sind demnach von »signifikanter Bodendegradierung« betroffen. Menschen in Entwicklungsländern leiden überdurchschnittlich unter den Folgen. Denn die Mehrheit der 1,2 Milliarden, die Einkünfte von weniger als einem Dollar pro Tag haben, lebt mindestens teilweise von der Tierhaltung, und der Verlust nutzbarer Weideflächen ist insbesondere in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara extrem.

Claus Töpfer wies darauf hin, dass statistisch gesehen pro Kopf der Weltbevölkerung derzeit 0,25 Hektar Land zur Nahrungsproduktion zur Verfügung stehen. In Afrika seien es aber nur 0,07 Hektar pro Person, also 700 Quadratmeter – »mit sinkender Tendenz«. Die abnehmende Verfügbarkeit von Boden sei bereits heute eine Fluchtursache, in Zukunft werde der Migrationsdruck noch erheblich zunehmen.

Studienautor von Braun betonte, sofortige Investitionen in die »Rehabilitation« von Böden seien »überlebenswichtig – für die Ernährung, das Klima und die menschliche Sicherheit«. Die Untersuchung habe deutlich gemacht, dass jeder heute dafür ausgegebene US-Dollar in der Zukunft fünf Dollar sparen würde. Denn alles, was jetzt nicht in Angriff genommen werde, steigere die künftigen Kosten um ein Vielfaches. Das hätten detaillierte Forschungen in zwölf Ländern gezeigt. Dies gelte für Entwicklungs- und Industrieländer gleichermaßen, stellte der ZEF-Direktor fest.

Die hohen Kosten der »Degradierung« kommen dadurch zustande, dass die Forscher nicht nur direkte Ertragsminderungen berücksichtigt haben, sondern auch indirekte infolge der verminderten Fähigkeit des Bodens, Wasser zu filtern und zu reinigen und Kohlendioxid aus der Luft zu binden. Von diesen »Leistungen« des Bodens habe der Landnutzer allerdings unmittelbar wenig bis nichts, erklärte von Braun. Deshalb müsse die Gesellschaft ihn »dafür bezahlen«, dass er den Boden nachhaltig – also auch mit größerem personellen Aufwand – bewirtschaftet. Die Autoren der Untersuchung fordern zudem den Zugang zu Märkten und gesicherte Landnutzungsrechte insbesondere für Kleinbauern in Entwicklungsländern. Derzeit verlieren immer mehr Menschen die von ihnen per Gewohnheitsrecht genutzten Flächen, weil Regierungen sie an Unternehmen oder Staaten verkaufen oder langfristig verpachten, über die Köpfe der Nutzer hinweg. Vertreibung und Verelendung sind die Folge des Phänomens, das auch unter dem Namen »Landgrabbing« bekannt ist.

Für dringend erforderlich halten die Wissenschaftler auch die Vermittlung von Wissen über Methoden zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit durch den Ausbau von Beratungsangeboten.jw

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