1. September 2015

»Wir erleben weltweit den Wiedereinstieg in die Atomenergie«


Der Fukushima-Schock war gestern: Zur Zeit sind 67 Reaktorblöcke mit einer Gesamtleistung von 51 Gigawatt im Bau. Ein Gespräch mit Uwe Hiksch
Interview: Markus Bernhardt

Uwe Hiksch ist Mitglied im Bundesvorstand der »NaturFreunde Deutschland e. V.« und Aktivist in der Anti-Atom-Bewegung.



Seit einigen Jahren wird in der Anti-Atom-Bewegung intensiv darüber diskutiert, ob die Ära der Atomkraft allmählich ausläuft. Der »World Nuclear Industry Status Report 2015« scheint denen auch Recht zu geben, die davon ausgehen, dass die Atomenergie weltweit auf dem Rückzug ist. Sie teilen diese Einschätzung nicht – warum?

Ich halte diese These für falsch. Vielmehr erleben wir zur Zeit eine Weichenstellung zum großflächigen Wiedereinstieg in die Atomenergie. Nachdem die Atomkonzerne ihre Zurückhaltung nach der Atomkatastrophe von Fukushima aufgegeben haben, werben sie weltweit für den Einstieg in die Atomenergie. Die großen Atomreaktorbauer Westinghouse, Rosatom, ENEC, Hitachi, Areva und die chinesischen Anbieter bieten mittlerweile integrierte Lösungen an, um den Bau von Atomreaktoren durchzusetzen. Sie organisieren die Finanzierung der Reaktorblöcke, bieten langfristige Uranlieferverträge an und sagen die Abnahme des Atommülls zu. Dafür verlangen sie staatlich garantierte Mindestpreise und Abnahmegarantien von bis zu 60 Jahren für den produzierten Atomstrom. Die Verträge für den Bau des türkischen Atommeilers in Akkuyu oder der geplante neue Atomreaktor in Hinkley Point in Großbritannien sind hierfür Beispiele.

Wie sieht es in den Staaten der EU aus?

In zehn Mitgliedsstaaten der EU versuchen Regierungen, den Bau neuer Atomreaktoren durchzusetzen. In Großbritannien wurde der Bau von bis zu zehn Reaktoren beschlossen. Bekanntester Standort ist Hinkley Point, dort soll für über 30 Milliarden Euro ein neues Atomkraftwerk (AKW) gebaut werden. Die EU-Kommission unterstützt die Pläne und hat dem britischen Staat die Subventionierung dieses Neubaus mit fast 20 Milliarden Euro genehmigt. Sollten die Klagen gegen diese Teilfinanzierung des Reaktors vor dem Europäischen Gerichtshof scheitern, wird auch in der EU eine neue Runde der Subventionierung dieser unverantwortlichen Technologie eingeleitet.

Welche Strategie verfolgt die EU-Kommission?

Sie strebt eine Zentralisierung an, eine »Energieunion«. Den großen internationalen Stromkonzernen soll damit ihre zentralistische Versorgungs- und Verteilungsstruktur erhalten werden. Diese Politik trägt aber zur Destabilisierung vieler Regionen in der Welt bei. Der Hunger nach fossilen und nuklearen Energieträgern ist bekanntlich eine der Ursachen für Kriege und Konflikte in anderen Regionen der Welt.

Was tut die Anti-Atom-Bewegung dagegen?

Sie kämpft gegen die Grundlagen für den Betrieb und die Förderung von Atomkraftwerken. Mit der Kampagne »Euratom? Nein danke« engagieren sich zum Beispiel die »Naturfreunde« für die Auflösung des Euratom-Vertrags. Der stammt aus dem Jahre 1957 und sollte »die Voraussetzungen für die Entwicklung einer mächtigen Kernenergie« schaffen. Mit dem Vertrag verpflichten sich alle Staaten der EU zur Finanzierung und Privilegierung der Atomenergie. Aus dem Bundeshaushalt werden jährlich fast 120 Millionen Euro zur Finanzierung der Atomtechnologie über den Euratom-Vertrag bezahlt. Wir fordern die Kündigung dieses Vertrags und ein Verbot der Nutzung von Atomtechnologien für militärische Zwecke sowie zur Energiegewinnung.

Wie stellt sich die Lage in anderen Ländern dar?

Weltweit sind zur Zeit 67 Reaktorblöcke mit einer Gesamtleistung von 51 Gigawatt im Bau. Davon alleine in China 25, in Russland neun und in Indien sechs Reaktoren. Die Atomlobby wirbt massiv in den Ländern des globalen Südens für den Bau von Reaktoren. Erst vor wenigen Wochen wurde in
Ghana ein »Gesetz über die nukleare Sicherheit« beschlossen, um eine nationale Atomaufsichtsbehörde aufbauen zu können. Die staatliche »Ghana Atomic Energy Commission« hat mit dem russischen Staatsunternehmen Rosatom eine Absichtserklärung zum Bau eines AKW in Ghana unterzeichnet. Auch Ägyptens Präsident Abdel Fattah Al-Sisi hat vor wenigen Wochen einen Vertrag mit Rosatom über den Bau von vier AKW-Blöcken in der Region Dabaa unterschrieben.

Die Vereinigten Arabischen Emirate bauen zusammen mit der »Korea Electric Power Corporation« am Standort Barakah vier Druckwasserreaktoren. Für zwei davon wurde Ende März der Antrag auf Betriebsbewilligung eingereicht. Bulgarien hat ein Abkommen mit dem Westinghouse-Konzern geschlossen, um am AKW Kosloduj einen weiteren Reaktor zu bauen. Der soll 1.000 Megawatt leisten und eine Betriebsdauer von 60 Jahren haben.
jw

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