2. September 2015

Krieg als Volksfest



Waffenschau und Kremserfahrt: Bundeswehr provoziert nach dem Weltfriedenstag
Von Susan Bonath

Wie jedes Jahr am ersten Sonnabend im September trommelt das Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Heer in der Colbitz-Letzlinger Heide (Sachsen-Anhalt) zum »Tag der offenen Tür«. Die Bundeswehr propagiert ein Fest für die ganze Familie mit »Spiel und Spaß«, Kinderbetreuung und Babywickelraum. Auch die Polizei, Anrainergemeinden und das Bundesforstamt wollen dort mit Infoständen zivil-militärische Einheit demonstrieren. Die lokale Bürgerinitiative »Offene Heide«, die sich seit 23 Jahren für eine zivile Nutzung des über 230 Quadratkilometer umfassenden Truppenübungsplatzes einsetzt, sieht eine besondere Provokation darin, das »Event« unmittelbar nach dem Weltfriedenstag anzusetzen. Erneut inszeniere die Bundeswehr »Krieg als Volksfest«, heißt es im Appell zur Gegendemonstration. Die Aktivisten rufen für Sonnabend, 14 Uhr, zu »kreativem Protest« am Ort des Geschehens, in Letzlingen, auf. Ihre Aktion ist zugleich der 267. Friedensweg der Initiative, der sonst jeden ersten Sonntag im Monat in GÜZ-Nähe stattfindet.

Die Bundeswehr wirbt für ihr Veranstaltung mit allerlei »Vergnügungen«. Besucher könnten die Militärzentrale in Letzlingen samt »Ausstellung« besichtigen. Das »Dienstleistungszentrum« des Heeres stehe für Berufsberatung bereit. Die Truppe biete Rundfahrten mit Militärfahrzeugen an, auf Kinder und Familien warte »gegen Barzahlung vor Ort« ein Kremser. Wem das »Bühnenprogramm« nicht genüge, könne Militärgerät begutachten, einer simulierten »Munitionsberäumung« beiwohnen oder sich von einer »dynamischen Waffenshow« inspirieren lassen. Und wie immer werden Bratwurst vom Grill und Suppe aus der Feldküche serviert. Bei der Veranstaltungsankündigung der Bundeswehr auf Facebook hatten am Mittwoch knapp 500 Personen zugesagt – etwa so viele, wie im GÜZ im zivilen Bereich beschäftigt sind. Diese Arbeitsplätze sind Hauptargument lokaler Medien und Politiker, wenn es um Erhalt, Ausbau und Aufrüstung des Platzes geht. In der wirtschaftsschwachen Altmark mit hoher Arbeitslosigkeit zieht das, und die Bundeswehr mischt mit, wo es geht: So übernahm sie etwa für die Grundschule Letzlingen eine »Patenschaft«, um Zeltlager und Sportfeste mit den Kleinen zu veranstalten. Auch Orte wie Colbitz und Kleinstädte wie Haldensleben pflegen sogenannte »Partnerschaften« mit der Armee: Soldaten müssten schließlich einkaufen. Damit belebten sie die Wirtschaft, heißt es.

Den »großen Rückhalt« der Bundeswehr in Sachsen-Anhalt beklagt auch die »Offene Heide«. Das Heer präsentiere sich als »ganz normaler Partner«, Widerworte aus der Politik gebe es kaum. »Die massenhafte Präsenz der Bundeswehr auf Landfesten und bei anderen Gelegenheiten« diene vor allem der Rekrutierung von Nachwuchs, so die Initiative. Immer wieder werde »Militärtechnik zum Anfassen wie im Streichelzoo« präsentiert. »Die Technikbegeisterung junger Menschen wird ausgenutzt, ohne auf die Kehrseite hinzuweisen.« Mit ihrer Show kurz nach dem 76. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges befinde sich die Bundeswehr zudem »in der Tradition der einstigen ›Heeresversuchsstelle Hillersleben‹ mit ihrem Tag der Wehrmacht«, rügen die Aktivisten weiter. In der Altmark seien schon damals viele Waffen für den Krieg unter Mitregie des Rüstungsproduzenten Rheinmetall ausprobiert worden. Heute ist dieser der Mutterkonzern des GÜZ-Betreibers »Rheinmetall Dienstleistungszentrum Altmark GmbH«. Auch die derzeit im Bau befindliche Kampfübungsstadt »Schnöggersburg« – eine Kulissenkommune mit westlichem Zuschnitt – wird das Unternehmen ab etwa 2017 betreiben und bestücken.

Auch im rheinland-pfälzischen Daun will ein Bataillon seine 50jährige Präsenz in der Heinrich-Hertz-Kaserne öffentlich feiern. Vor dem »Tag der offenen Tür« am Sonnabend wird am heutigen Donnerstag ein offizielles »Gelöbnis« vor Publium zelebriert, beginnend mit einem »ökumenischen Gottesdienst«. Eine weitere »Jubelfeier« mit Showprogramm wird das Heer im nordrhein-westfälischen Euskirchen in der Merkator-Kaserne abhalten.
jw

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