1. September 2015

Hommage an stille Helden



Repräsentativer Bildband dokumentiert antifaschistischen Widerstand 1922–1945 in 21 Ländern Europas
Von Peter Rau

Als vor zwei Jahren, im Sommer 2013, die Ausstellung »Antifaschistischer Widerstand in Europa 1922–1945« im Europäischen Parlament in Brüssel der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war von einem Katalog zu dieser beeindruckenden Exposition noch keine Rede. Das ist nun nachgeholt worden. Im Juli 2015 veröffentlichte der Kölner Papyrossa-Verlag, herausgegeben von der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) und dem »Institut des Vétérans« (IV-INIG) aus Belgien als den Organisatoren dieser Ausstellung, den gleichnamigen repräsentativen Bildband. Eingeleitet wird der durchweg viersprachige Text (französisch, flämisch, englisch und deutsch) mit einem sehr persönlich gehaltenen Vorwort von Manolis Glezos. Der heute 93jährige Grieche ging als »Held der Akropolis« in die Geschichte ein, als er in der Nacht zum 30. April 1941 die Hakenkreuzfahne der deutschen Besatzer von der Athener Festung entfernte und an deren Stelle die griechische Flagge hisste. Nicht weniger kluge Geleitworte stammen von Michel Jaupart, Generaladministrator von IV-INIG, und FIR-Präsident Vilmos Hanti sowie von den beiden Herausgebern Jean Cardoen aus Brüssel und Ulrich Schneider als Generalsekretär der FIR.

In erster Linie aber werden darin in mehr oder weniger knappen und dennoch aussagekräftigen Texten Land für Land die jeweiligen Bedingungen des antifaschistischen Kampfes und die einzelnen, durchaus verschiedenen Widerstandsbewegungen bzw. -organisationen vorgestellt. Beginnend mit Italien, wo mit dem berüchtigten »Marsch auf Rom« von Benito Mussolini und seinen »Schwarzhemden« im Oktober 1922 der Faschismus erstmals sein hässliches, gewalttätiges Haupt erhob. Dessen Herrschaft konnte letztlich erst nach dem Vormarsch alliierter Streitkräfte, gepaart mit massivem Volkswiderstand – Stichwort Partisanenbewegung –, gebrochen werden. Anders sollte die Geschichte in Spanien enden: Trotz heldenhafter Gegenwehr der republikanischen Kräfte und ihrer ausländischen Unterstützer in Gestalt der von der Kommunistischen Internationale formierten Freiwilligenbrigaden behielt der profaschistische Putschgeneral Franco, begünstigt durch die Stillhaltepolitik der westlichen Demokratien, die Oberhand, ohne allerdings die Niederlage seiner Freunde und Gönner aus Deutschland und Italien verhindern zu können.

In Deutschland dagegen brachte der 1933 einsetzende Terror den antifaschistischen Kräften, Kommunisten gleichermaßen wie Sozialdemokraten, bürgerlichen Hitlergegnern wie Christen, zigtausendfachen Tod oder »günstigenfalls« langjährige Haft- oder KZ-Strafen und zwang die Überlebenden zur Emigration oder in die tiefste Illegalität. Dennoch formierte sich auch hier – insbesondere nach dem Überfall auf Polen und dem Einmarsch in die Sowjetunion – der Widerstand gegen Faschismus und Krieg. Erinnert wird so u. a. an die Mitglieder der »Weißen Rose« um Hans und Sophie Scholl, an die Angehörigen der von der Gestapo »Rote Kapelle« genannten Spionageorganisation oder die Offiziersverschwörer um Graf Stauffenberg; Erwähnung findet ebenfalls das im Juli 1943 bei Moskau gegründete Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD). Dass dessen Aktivitäten nicht weiter thematisiert werden, mag ebenso als ein Manko der Dokumentation angesehen werden wie die Vernachlässigung seiner gewichtigen Ableger, des Komitees Freies Deutschland für den Westen in Frankreich bzw. Belgien (KFDW) oder auch des Antifaschistischen Komitees Freies Deutschland (AKFD) in Griechenland, obwohl sie einen aktiven – auch militärisch relevanten – Beitrag leisteten zum Widerstandskampf in den jeweiligen Ländern.

Bleiben wir in Frankreich: Ob die Kräfte des von General de Gaulle, dem späteren Präsidenten, inspirierten »Freien Frankreichs« an der Spitze der landesweiten Résistance standen, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die maßgeblich von Kommunisten getragene Widerstandsbewegung der Francs-tireurs et partisans und Maquisards im 1943 gegründeten Nationalen Widerstandsrat gleichberechtigt mitwirkte und im August 1944 maßgeblichen Anteil hatte an der Befreiung von Paris. Oder nehmen wir das Beispiel Sowjetunion: Neben den Erfolgen der Roten Armee, die zunächst zur historischen Wende von Stalingrad führten und schließlich »den letzten Nagel in den Sarg der Naziherrschaft über Europa trieben«, waren es vor allem Hunderttausende Partisanen, die dem Gegner mehr als nur empfindliche Nadelstiche versetzten. Zitiert wird u. a. die 18jährige Schülerin und Komsomolzin Soja Kosmodemjanskaja, die vor ihrem Tod im Jahr 1941 den deutschen Henkern entgegenschleuderte: »Wir sind 190 Millionen, ihr werdet nicht jeden von uns aufhängen können.« Machtvolle Partisanenbewegungen existierten, wie gesagt, gleichermaßen in Frankreich und Italien und darüber hinaus in Jugoslawien, Griechenland und Albanien. Sie alle trugen – neben den alliierten Streitkräften – wesentlich zur Befreiung ihrer Länder bei.

Auch die hier nicht genannten Länder – Portugal, Österreich, Belgien, Luxemburg und die Niederlande, Dänemark, Norwegen, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien – haben sich durchaus, wenn auch in verschieden starkem Maße, eingeschrieben in die Geschichte des europäischen Widerstandes. Das belegt nicht nur eine Vielzahl bisher kaum bekannter Details wie Angaben zu Streiks und Sabotageaktionen, Flugblättern und illegalen Zeitungen, sondern ebenso eine ganze Reihe der etwa 250 Fotos und Faksimiles, die in diesen Bildband Aufnahme gefunden haben.

Jean Cardoen/Ulrich Schneider (Hg.): Antifaschistischer Widerstand in Europa 1922–1945. Mit einem Vorwort von Manolis Glezos. Papyrossa-Verlag, Köln 2015, 335 Seiten, 29,90 Euro
jw

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