1. September 2015

Geld oder Elend?


Eine frühere Milliardärin klagt gegen eine ehemalige Privatbank. Es geht um die Pleite des einstigen Karstadt-Quelle-Konzerns und die Hoffnung auf eine »Entschädigung«
Von Dieter Schubert

Ist es politisch korrekt, dass eine Milliardärin verarmen kann? Das sollte es in einem Land, in dem Banken gerettet und Pleitestaaten zu Lasten der Steuerbürger alimentiert werden, nicht geben. Dennoch ist es bittere Realität, jedenfalls für Madeleine Schickedanz. Deshalb führt sie einen erbitterten Kampf gegen jene, von denen sie glaubt, dass sie an der Misere schuld sind. Strafrechtlich ist ihr Kampf bisher erfolglos gewesen, seit geraumer Zeit setzt sie auf einen Zivilprozess. Die 21. Kammer des Landgerichts Köln verhandelt die Klage der Erbin des ehemaligen Quelle-Versandhandelskonzerns gegen die frühere Privatbank Sal. Oppenheim. Das Verfahren wurde am gestrigen Dienstag fortgesetzt, wobei ein Termin für eine Entscheidung festgelegt werden sollte (nach Redaktionsschluss).

Die Chancen auf einen Sieg gegen ihre Widerparts stehen für Frau Schickedanz nicht gut. Womöglich, weil sie ihre Anschuldigungen nicht ausreichend stichhaltig beweisen kann – was nach Ansicht neutraler Beobachter vor allem der Cleverness ihrer Kontrahenten geschuldet ist. Schickedanz fordert vom Bankhaus Oppenheim, von dessen Ex-Gesellschaftern, ihrem ehemaligen Vermögensverwalter und weiteren Beteiligten die stattliche Summe von 1,9 Milliarden Euro. Frau Schickedanz glaubt, sie sei von den Bankiers und ihrem Vermögensverwalter als Strohfrau benutzt worden, um im Jahr 2005 durch den Zukauf weiterer Aktien der Karstadt-Quelle AG die Aktienmehrheit zu übernehmen.

Das wirft ein Licht auf die Grundfrage: Wie konnte es dazu kommen, dass zwei systemrelevante Institutionen – als solche darf man Frau Schickedanz und die frühere Kölner »Klüngelbank« als Teile der deutschen Oligarchie durchaus bezeichnen – sich ein derartiges Scharmützel liefern? Die Antwort lautet kurz und hässlich: Es ging ums Geld. Aus Sicht der Banker konkret um das der anderen – ein seit Jahrhunderten beliebtes Geschäftsmodell in diesen Kreisen.

Als Erbin des Versandhausunternehmens Quelle (einst gegründet von ihrem Vater Gustav und weitergeführt von ihrer Mutter Grete) und Großaktionärin des Warenhausgiganten Karstadt-Quelle hatte Frau Schickedanz selbst nie Hand angelegt bei der operativen Leitung der Kapitalgesellschaft. Womöglich war das ein Fehler, aber vielleicht wäre alles dennoch so gekommen. Glaubt man der in den Medien verbreiteten Legende, hat die vermeintlich geprellte Erbin vor allem zwei personelle Fehlentscheidungen getroffen, die ursächlich für ihren zwischenzeitlichen – und womöglich sogar endgültigen – Ruin verantwortlich waren: Sie vertraute einem umtriebigen Geschäftsmann namens Josef Esch die Verwaltung ihres gigantischen Vermögens an (»Ich habe ihm voll vertraut«, wurde sie in der Welt zitiert). Und sie setzte auf die Fortune – und den Ruf – eines damals »leuchtenden Sterns am Managerhimmel«, eines gewissen Thomas Middelhoff. Der hatte zuvor dem Gütersloher Medienriesen Bertelsmann durch den Verkauf der Aktien von AOL-Deutschland einen satten Milliardengewinn beschert – kurz vor dem Absturz des »neuen Marktes«. Dennoch wurde Middelhoff von der Besitzerfamilie Mohn geschasst. Der Supermanager wollte den Konzern (u. a. RTL, BMG) in einer Weise umkrempeln, wie es den Mohns nicht passte. Sie hatten vermutlich Glück, als sie ihm den Abschied gaben.

Esch, der zusammen mit der »Milliardärsbank« aus Köln eine ganze Reihe steuersparender Fonds initiiert hatte, führte auch seine Auftraggeberin in die Umarmung der Geldverweser von Sal. Oppenheim – womit der Grundstein für ihren »sozialen Absturz« gelegt worden war. Und in ihrer Funktion als Aufsichtsratsvorsitzende des Handelskonzerns erhob sie Middelhoff zum Konzernchef. Der begann gleich furios – und änderte den Namen von Karstadt-Quelle in »Arcandor«. Das klang nett, sagte nix, und war nach Meinung von Zeitzeugen Ausdruck des »neuen Denkens« einer »neuen Managergeneration«.

Das war womöglich Middelhoffs größte Positivleistung für Karstadt-Quelle. Im Übrigen führte er den Konzern stracks in die Pleite. Mit der verlor die Quelle-Erbin ihr Vermögen, Sal. Oppenheim ruinierte seinen Ruf endgültig, Esch hatte außer Geld vermutlich nichts zu verlieren und Middelhoff war zunächst ein gefallener Stern, heute angeblich fast ein Fall für das Sozialamt.

Das behauptete Frau Schickedanz kurzzeitig auch zu sein: Monatlich nur noch 600 Euro habe sie zur Verfügung, beklagte sie sich einmal. Wundert es, dass sie mit großer Energie für Schadenersatz kämpft?

Selbstverständlich ist die Erbin nicht völlig verarmt. Schon deshalb nicht, weil sie die Kredite bei Sal. Oppenheim einfach nicht bedient haben soll. Vor allem ein Umstand spricht dafür, dass sie nicht den Rest ihres Lebens als mittellose Frau bestreiten muss: Sal. Oppenheim wurde inzwischen von der Deutschen Bank gekauft. Das Geldhaus hat derzeit so viele Probleme und Prozesse am Hals, was den womöglich krummen Geschäftspraktiken des größten deutschen Finanzkonzerns geschuldet sein dürfte. Nach Ansicht von Beobachtern scheint ein Vergleich möglich: Madeleine Schickedanz bekommt keinen Schadenersatz, muss im Gegenzug aber ihre Schulden bei der Bank nicht zahlen. Es könnte ein Anfang für ein neues schönes Leben werden. Und die Ausgangsfrage wäre beantwortet.
jw

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