1. September 2015

Berufsrisiken. Suizid ist häufigste Todesursache bei der Bundeswehr



Von Knut Mellenthin


Am 14. Oktober 1993 starb erstmals ein Bundeswehrsoldat bei einem Auslandseinsatz. Schauplatz war die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh. Er wurde während eines privaten Ausflugs zu einem Restaurant von Unbekannten erschossen. Die Bundeswehr war bei dieser Mission, die rund 18 Monate dauerte, ausschließlich zum Betrieb eines Feldlazaretts eingesetzt. Es gab keine weiteren Toten.

Insgesamt starben während 23 Jahren Auslandseinsätzen nach amtlichen Angaben 104 deutsche Soldaten. Die Zahl schließt Unfälle – beispielsweise im Straßenverkehr oder durch unsachgemäßen Umgang mit Schusswaffen – ebenso ein wie Selbsttötungen. 22 Angehörige der Bundeswehr, ein Fünftel der Gesamtzahl, brachten sich während Auslandseinsätzen um. 37 Soldaten, rund ein Drittel aller Toten, sind als »durch Fremdeinwirkung gefallen« ausgewiesen. 35 von diesen kamen während des bei weitem gefährlichsten Auslandseinsatzes in Afghanistan ums Leben. Insgesamt starben dort bisher 55 Bundeswehrangehörige. Weitere Einsatzgebiete, wo außergewöhnlich viele deutsche Soldaten starben, sind Kosovo mit 27 und Bosnien-Herzegowina mit 19 Toten. Verkehrsunfälle, viele durch schlechte Straßenverhältnisse in bergigem Gelände verursacht, standen dabei an erster Stelle. Während reiner Ausbildungs- oder Überwachungsmissionen, die die Mehrheit aller deutschen Auslandseinsätze bilden, gab es kaum Tote und Verletzte. Das individuelle Risiko während solcher Missionen ist, realistisch betrachtet, vermutlich nicht höher als beim Wehrdienst in Deutschland oder in vielen zivilen Berufen.

Seit Gründung der Bundeswehr vor 60 Jahren haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums vom Februar 2015 rund 3.200 militärische und zivile Angehörige der deutschen Streitkräfte »infolge der Ausübung ihrer Dienstpflichten ihr Leben verloren«. Der Anteil der während Auslandseinsätzen getöteten und gestorbenen Soldaten an dieser Summe ist 3,25 Prozent. Betrachtet man nur den Zeitraum seit dem Beginn deutscher Auslandseinsätze im Jahre 1992, so entfallen auf sie 17 Prozent aller Bundeswehrangehörigen, die in dieser Zeit »infolge der Ausübung ihrer Dienstpflichten« starben.

Die Statistik des Verteidigungsministeriums weist Selbsttötungen gesondert aus. Sie sind die häufigste aller Todesursachen bei der Bundeswehr. Den 3.200 Menschen, die seit 1955 »im Dienst« starben, stehen 3.500 Suizide gegenüber. In den letzten sechs Jahren starben 140 Bundeswehrangehörige durch eigene Hand, während 42 auf andere Weise ums Leben kamen. Das Thema wird jedoch von Politikern aller Parteien praktisch vollständig ignoriert.

Auch Arbeitsunfälle im Zivilleben eignen sich, im Gegensatz zur »Sorge um unsere Soldaten« im Auslandseinsatz, offenbar nicht für Selbstprofilierungen deutscher Volksvertreter. Im Jahr 2013 gab es 874.514 meldepflichtige Arbeitsunfälle, von denen 14.990 als schwer eingestuft wurden. An den Folgen starben 455 Menschen. 2014 waren es sogar 473. Im selben Jahr meldete die Bundeswehr drei Todesfälle im Dienst und 29 Selbsttötungen.
jw

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