31. August 2015

Zurück ins Mittelalter


Hassprediger machen wieder gegen Gleichstellung von Homosexuellen und Frauenrechte mobil
Von Markus Bernhardt

Am 11. Oktober wollen reaktionäre Organisationen erneut in Stuttgart aufmarschieren, um dort wieder gegen die Gleichstellung von Homo- mit Heterosexuellen mobil zu machen. Unter dem Motto »Ehe bleibt Ehe! Stoppt die Gender-Agenda und Sexualisierung unserer Kinder« rufen evangelikale Fundamentalisten, rechtskonservative Kreise, Anhänger der AfD und CDU sowie andere Ewiggestrige des Bündnisses »Demo für alle« in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Bereits in den vergangenen Monaten war es mehrfach zu Kundgebungen der Rechten gekommen, an denen zeitweise sogar mehrere tausend Menschen teilgenommen hatten (jW berichtete).

Gegen die für Oktober geplante Provokation hat sich ein breites Bündnis zusammengefunden, welches unter dem Motto »Regenbogen für Alle« gegen den reaktionären Spuk demonstrieren will. Zu den Unterstützern zählen unter anderem die Linksjugend, die Grüne Jugend und die Jusos. Auch der Lesben- und Schwulenverband, das Kulturzentrum »Merlin«, sowie das Frauenberatungs- und Therapiezentrum Stuttgart rufen zu Protesten auf.

Zugleich existiert ein explizit antifaschistisches Bündnis, welches sich an der Gegendemonstration beteiligt. Es konstatiert, dass diese »Allianz aus Rechten verschiedenster Spektren weit mehr vereint als der Wunsch, ein rückständiges Familienbild als gesellschaftliche Norm zu wahren«. Ziel dieser Bewegung sei der »Rückfall in überwundene gesellschaftliche Zustände wie beispielsweise die Propagierung der Ungleichwertigkeit der Geschlechter«, lautet der Vorwurf der Antifaschisten. Mit rosafarbenen und blauen Luftballons als Erkennungsmerkmal propagierten die »Demo für alle«-Teilnehmer die traditionelle Ehe und Familie als Lösung gesellschaftlicher Probleme, die weit tiefer lägen. »Ist es im Osten der Republik die rassistische Hetze von Pegida und Co. gegen Geflüchtete, so darf man im Ländle unter wohlwollender Zustimmung eines Bischofs und mehrerer CDU-Bundestagsabgeordneter Homosexualität wieder als Krankheit bezeichnen«, heißt es in einer Stellungnahme des Bündnisses, welches unter anderem von der ver.di-Jugend, der Gruppe »Zusammen Kämpfen« (Stuttgart) und dem Antifaschistischen Aktionsbündnis Stuttgart & Region (AABS) unterstützt wird.

Schon seit Monaten gelingt es »Religionsgemeinschaften« und rechten Organisationen, gegen einen von ihnen ausgemachten »Genderwahn« mobil zu machen. Oft erhalten derlei Fundamentalisten dabei Unterstützung von offen neofaschistischen Parteien und Organisationen wie der NPD. Dass derlei Zusammenschlüsse keineswegs unterschätzt werden dürfen, zeigt ein Blick auf Frankreich. Dort entstand im Jahr 2013 binnen weniger Wochen eine Massenbewegung gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben, zu der sich extreme Rechte mit Durchschnittsbürgern und der katholischen Kirche verbrüdert hatten. Mehrfach kam es im Anschluss an derlei Aufmärsche zu regelrechten Hetzjagden auf Schwule. Der Höhepunkt der homosexuellenfeindlichen Gewaltexzesse war im Juni 2013 mit der Ermordung des 18jährigen Antifaschisten Clément Méric am Pariser Bahnhof Saint-Lazard durch neofaschistische Skinheads erreicht. Méric hatte sich zuvor an den Protesten gegen die homosexuellenfeindlichen Aufmärsche beteiligt.

Auch in der Bundesrepublik mehren sich unterdessen Vorwürfe an die Behörden, nicht entschieden genug gegen die rechten Fundamentalisten vorzugehen: »Es gibt gute Gründe, dass ein Verfassungsschutz nicht jeden beobachtet, der sich menschenfeindlich äußert. Wenn man aber homophobe oder rassistische Äußerungen nur dann kritisiert, wenn sie von Rechtsextremisten oder von Leuten kommen, die man ohnehin beobachtet, sie jedoch ignoriert, relativiert oder belächelt, wenn sie aus vermeintlich mittigeren Gegenden kommen, ist man als ›Frühwarnsystem‹ ungeeignet«, schrieb etwa Nobert Blech vom Nachrichtenprotal Queer.de über den Inlandsgeheimdienst.
jw

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