27. August 2015

Zurück in den Bürgerkrieg


El Salvador: Täglich sterben Dutzende Menschen bei Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Banden und dem Militär
Von Robert Ojurovic

Josue ist fünf Jahre alt. Josue liegt im Koma. Er war zu Hause in einem Vorort von San Salvador, als ihn Lärm und kindliche Neugier nach draußen lockten. Am 6. August verließ er das Haus und trat auf die offene Straße. Dort traf ihn eine Kugel von Soldaten, die sich ein Gefecht mit Kriminellen lieferten. Seither liegt der Junge im Krankenhaus, und es gibt wenig Hoffnung, dass sich sein Zustand wieder bessert.

Josue ist kein Einzelfall. In einem Zeitraum von nur drei Tagen wurden in der vergangenen Woche in El Salvador nicht weniger als 125 Menschen ermordet. Am Sonntag, den 16. August, dem bis dahin blutigsten Tag des Jahres, wurden 40 Tote gezählt. Doch diese Zahl wurde schon am Montag mit 42 übertroffen. Am Dienstag lag der traurige Rekord schon bei 43 Toten.

El Salvador ist nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1992 ein gnadenloses Land geblieben. Ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung ist extrem reich und mächtig, der Großteil lebt dagegen in Armut.

In dem Krieg zwischen 1980 und 1992, als die Guerilla einen bewaffneten Kampf gegen das faschistoide Militärregime führte, kamen mehr als 70.000 Menschen ums Leben, Hunderttausende verloren ihr Hab und Gut, das Land lag am Boden. In dieser Periode entstanden die »Maras«, kriminelle Straßenbanden, die von Schutzgelderpressung, Waffenschmuggel und Drogenhandel leben.

Von offizieller Seite wird aktuell von über 70.000 Mitgliedern dieser Banden gesprochen. Fast 13.000 von ihnen sitzen in den überfüllten Gefängnissen des Landes. Die »Maras« sind in El Salvador und in anderen Ländern Zentralamerikas kein Randproblem. Ihr kriminelles Vorgehen ernährt fast eine Million Menschen – in einem Land, das knapp sechs Millionen Einwohner zählt.

Bis 2009 versuchten die von der Rechtspartei ARENA gestellten Regierungen, die »Maras« mit einer Politik der harten Hand zu bekämpfen. Es blieb beim Versuch. Nach ihrem Wahlsieg 2009 kam die linke frühere Guerillaorganisation FMLN an die Macht. Eine Waffenruhe wurde vereinbart, die in den folgenden Jahren die Zahl der gewaltsamen Todesfälle auf weniger als sechs täglich reduzieren konnte.

Der heutige Präsident Salvador Sánchez Cerén sah sich aber in einer Sackgasse, da seiner Meinung nach die einzigen »Profiteure« der Waffenruhe die Banden selbst seien. Still und leise hätten sich diese neu organisiert und ihre Waffenkammern aufgefüllt. Die Regierung änderte daher die Taktik und nahm den Straßenkampf gegen die »Maras« wieder auf. Mitte 2014 brach die Waffenruhe daher zusammen. Seither nimmt die Gewalt wieder zu. Dieser August dürfte mit durchschnittlich 30 Todesopfern täglich der bislang blutigste Monat werden.

»El Salvador hat ein erschreckendes Ausmaß der Gewalt erreicht. Es ist zu einem bewaffneten Kampf zwischen der Regierung und den Straßenbanden gekommen. Beide Seiten agieren mit äußerster Brutalität und Gnadenlosigkeit«, sagte die Direktorin des universitären Meinungsforschungsinstituts IUDOP, Jeannette Aguilar, der mexikanischen Zeitung Excelsior. Im Laufe dieses Jahres seien 42 Polizisten, 16 Militärangehörige und ein Staatsanwalt bei bewaffneten Übergriffen oder verdeckten Ermittlungen ums Leben gekommen. Dabei wurde festgestellt, dass die Banden Waffen benutzen, die eigentlich nur dem Militär zur Verfügung stehen. Offensichtlich haben die »Maras« jedoch über den Schwarzmarkt Zugriff auch auf diese Ausrüstung. Jeannette Aguilar fordert deshalb, dass die Regierung die illegalen Netzwerke intelligenter bekämpfen müsse, um die Einwohner des Landes besser zu schützen.
jw

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