24. August 2015

»Wir bleiben, so lange wir gebraucht werden«

Die »Sea-Watch« hat sich am Wochenende an der Rettung Tausender Flüchtlinge beteiligt. Jetzt wird ein größeres Schiff gesucht. Gespräch mit Ruben Neugebauer Interview: Peter Wolter Immer mehr Flüchtlinge machen sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer – am Wochenende wurden wieder Tausende aus Seenot gerettet. War Ihre »Sea-Watch« dabei? Klar doch, sie war dabei. Wir waren das ganze Wochenende über im Einsatz und konnten zwei Boote mit jeweils über 100 Menschen an Bord retten. Danach haben wir uns an Suchaktionen beteiligt, bei denen die schiffbrüchigen Flüchtlinge von anderen Schiffen an Bord genommen wurden. Haben Sie eine Schätzung, wieviel Prozent derjenigen, die von der afrikanischen Küste aus in Schlauchbooten oder maroden Seelenverkäufern in See stechen, Europa lebend erreichen? Konkrete Zahlen zu nennen, wäre Spekulation. Das Seegebiet, in dem Flüchtlinge angetroffen werden können, ist relativ groß, und die Boote, mit denen sie Europa erreichen wollen, sind allesamt in desolatem Zustand. Unser Kapitän schätzt, dass auf jedes Boot, das gerettet wird, ein anderes kommt, das mit Mann und Maus untergeht. Ein Beispiel: Eines der von uns jetzt aufgegriffenen Schlauchboote war schon am Sinken, konnte aber noch einen Notruf absetzen. Wir kamen glücklicherweise rechtzeitig, eine Stunde später wäre es weg gewesen. Die Kinder und die Verletzten an Bord wären als erste ertrunken. Wir schätzen, dass viele Flüchtlingsboote bereits innerhalb der libyschen Hoheitsgewässer untergehen oder von einer der Milizen oder der Küstenwache zurückgedrängt werden. Da spielen sich mit Sicherheit viele krasse Dinge ab, von denen wir nie erfahren. Es darf gar nicht erst soweit kommen, dass sich diese Flüchtlinge gezwungen sehen, auf eines dieser Boote zu steigen – die sind in der Regel so miserabel gebaut und ausgestattet, dass sie sich schon in Seenot befinden, wenn sie die libysche Küste verlassen. Die deutsche Marine, die im dortigen Seegebiet zwei Schiffe hat, hat vor Wochen mit großem PR-Aufwand ihren Einsatz als humanitäre Aktion gefeiert. Hat sie die geweckten Erwartungen erfüllt? Da muss man differenzieren. Der Tender »Werra« und die Fregatte »Schleswig-Holstein« stehen jetzt unter dem Kommando der EU. In der ersten Zeit haben sie tatsächlich aktiv Flüchtlinge gerettet – dann ist einen Monat lang nichts geschehen. Die einzigen, die in dieser Zeit tatsächlich an Ort und Stelle Ausschau nach Flüchtlingen hielten, waren die »Sea-Watch« und drei Schiffe, die mit der Organisation »Ärzte ohne Grenzen« in Verbindung stehen. In den vergangenen Tagen waren die Marineschiffe wieder im Einsatz, die »Werra« zum Beispiel hat noch am 19. August 13 Seemeilen (eine Seemeile sind 1,852 Kilometer) vor der libyschen Küste ein Boot aufgegriffen. Das Militär beteiligt sich also durchaus an der Rettung von Menschenleben – das EU-Oberkommando sieht das allerdings nicht als primäre Aufgabe an. Die Marineschiffe haben in erster Linie den Auftrag, die Netzwerke der Schleuser aufzuspüren und ihnen das Handwerk zu legen. Es wäre aber viel schlauer, eine politische Lösung für dieses Desaster zu finden und damit jede Art von Schleusung überflüssig zu machen. Den Flüchtlingen muss die Möglichkeit geboten werden, legal in die Staaten der EU einzureisen. Der Einsatz der »Sea-Watch« war ursprünglich auf einige Monate begrenzt – wann brechen Sie die Suche nach Flüchtlingen ab? Wir werden auf jeden Fall so lange in diesem Seegebiet bleiben, wie es das Wetter zulässt und wir gebraucht werden. Ich schätze, dass wir auch im kommenden Jahr noch im Mittelmeer sein werden. Im Augenblick sind wir auf der Suche nach einem neuen Schiff. Die jetzige »Sea-Watch« ist für den Preis, den sie gekostet hat, sehr gut. Der Kauf und der Umbau haben sich zweifellos gelohnt, wir haben schon knapp 1.000 Menschen gerettet. Ein größeres Schiff wäre für unsere Rettungseinsätze aber viel effektiver. Wie reagiert die Öffentlichkeit auf Ihr Engagement? Gibt es auch beleidigende Mails von Flüchtlingshassern? Die erhalten wir auch, aber in der Regel bekommen wir sehr viel Unterstützung und auch Spenden. Und wir brauchen noch mehr davon, wenn wir im kommenden Jahr ein größeres Schiff ausrüsten. jw

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