27. August 2015

Überleben in Damaskus


Auch die syrische Hauptstadt wird vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen. Die Einwohner zahlen den Preis
Von Karin Leukefeld/Damaskus

Es ist heiß in Damaskus. Das Dröhnen der Generatoren liegt über der Stadt. Strom ist knapp geworden und wird vorrangig dorthin geliefert, wo das politische, wirtschaftliche und soziale Leben aufrechterhalten werden soll. Ministerien, öffentliche Einrichtungen und die Verkaufs- und Handelszentren der Metropole werden zu den Hauptarbeitszeiten zwischen 8.00 und 13.00 Uhr mit dem Stromnetz verbunden. Die Universitäts- und Schulferien gehen erst Anfang September zu Ende, Krankenhäuser verfügen über eigene Generatoren. Am Nachmittag und Abend wird der Strom reihum in die Stadtteile geliefert, doch derzeit wird auch dieser Plan nicht immer eingehalten.

»Ohne Strom laufen die Pumpen nicht, mit denen wir das Wasser aus den unterirdischen Leitungen in die Tanks auf dem Dach pumpen müssen«, erklärt Khalid aus dem Vorort Dschdaidat Artus. Darum ist auch das Wasser oft knapp. Vor einigen Wochen hatten die Kampfgruppen, die sich in dem ehemaligen Luftkurort Sabadani im Grenzgebiet zum Libanon schwere Gefechte mit der syrischen Armee und der mit ihr verbündeten libanesischen Hisbollah lieferten, die Fidschah-Quelle abgeriegelt, die seit Jahrtausenden Damaskus mit frischem Wasser versorgt. Sie leiteten das Wasser in den Barada-Fluss um, der es ungeklärt davontrug. In Damaskus blieben die Wasserleitungen trocken. »Weil sie nicht bereit waren, über eine Lösung zu verhandeln, um die Quelle wieder freizugeben, hat die Armee sie mit schweren Waffen angegriffen. Die hohen Verluste haben sie schließlich zum Einlenken veranlasst«, erzählt Khalid. Als Reaktion darauf habe dann die mit den Kampfgruppen verbündete »Islamische Armee« aus der östlichen Ghuta einen Regen aus Granaten und Raketen auf Damaskus abgefeuert. Daraufhin habe die syrische Luftwaffe Duma bombardiert, was zu einem internationalen Aufschrei führte. So gehe das hin und her, meint Khalid. »Und die Bevölkerung zahlt den Preis.« Das meint er wörtlich, denn erneut wurden die Preise für Strom und Wasser, für Benzin und Heizöl erhöht.

Unweit des Italienischen Krankenhauses liegt der Arnus-Platz. Zu jeder Tages- und Nachtzeit verbrachten Freunde und Familien aus den umliegenden Vierteln dort früher ihre freie Zeit. Im Schatten der hohen Bäume konnte man lesen oder diskutieren, ein Frühstück oder Mittagessen einnehmen, spazieren, Sport treiben oder einfach nur vor sich hin dösen, während die Kinder wild herumtobten oder Fußball spielten. 2011 trafen sich hier Frauen, um ihre Solidarität mit den Kindern von Daraa auszudrücken, die wegen regierungsfeindlicher Parolen, die sie an eine Schulwand geschrieben hatten, verhaftet worden waren. Das galt als Auslöser des syrischen Aufstandes, der in den heutigen Bürgerkrieg überging. Später ließen sich hier Inlandsvertriebene aus den dichtbesiedelten Vororten von Damaskus nieder. Seit die Kämpfe in der östlichen Ghuta, in Dschobar, Duma und Irbin nicht nachlassen, schlagen hier jedoch immer häufiger Mörsergranaten und Raketen ein. Staubig und verlassen ragen die verbliebenen Bäume in den Himmel, aus der Grünanlage ist eine Mondlandschaft geworden.

»Erst kürzlich starben hier Angehörige von unserem Nachbarn«, erzählt der hochgewachsene 18jährige Anas, der vor wenigen Wochen sein Abitur mit Auszeichnung abgeschlossen hat. Er hat angefangen, Deutsch zu lernen, weil er in der Bundesrepublik studieren will. Die palästinensische Familie von Anas gehört zu der einst gutsituierten Mittelschicht Syriens. Bis auf Anas, den Jüngsten, haben die Kinder Syrien verlassen und sind in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

Vielleicht sollte er alles verkaufen und auch nach Deutschland gehen, überlegt Anas’ Vater mit einem Freund, der als Mathematiklehrer in Algerien gearbeitet hat. Der erinnert jedoch an die Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen in Deutschland und rät ab. »Viele Leute in Deutschland sind Rassisten und Faschisten«, sagt der Doktor der Mathematik. »Sie denken, wir Araber, Muslime, können nicht lesen, nicht schreiben und seien weniger wert als sie selber.« Dabei seien es doch die Europäer gewesen, die den Mittleren Osten besetzt, kolonialisiert und unterdrückt hätten.
jw

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen