26. August 2015

Strategische Partnerschaft


70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs: Lehren der Geschichte und neue Wendepunkte in den russisch-chinesischen Beziehungen
Von Sergej Lawrow

In ihren Ausgaben vom 24. August veröffentlichten die Zeitungen Rossiskaja Gaseta (Russland) und Renmin Ribao (China) einen Gastbeitrag des russischen Außenministers Sergej Lawrow. junge Welt dokumentiert den Artikel basierend auf der vom Außenministerium der Russischen Föderation verbreiteten deutschen Übersetzung.



Das jetzige Jahr steht im Zeichen des 70. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs. Für Russland und China ist dieses Jubiläum von besonderer Bedeutung. Unsere Länder waren Verbündete im Kampf gegen den Nazismus und japanischen Militarismus, mussten sich des größten Angriffs der Aggressoren erwehren und die schwersten Verluste hinnehmen. Dank des beispiellosen Muts, der Opferbereitschaft, der Mobilmachung aller Kräfte haben unsere Völker es geschafft, die damaligen schrecklichen Gefechte durchzustehen und den Sieg zu erringen.

Das Vorspiel des Zweiten Weltkriegs waren aggressive Handlungen Japans, das 1931 die Mandschurei besetzte und 1937 großangelegte Militärhandlungen gegen China begann. Die Sowjetunion war damals der einzige Staat, der China ernsthaft beistand – es wurden moderne Kampfflugzeuge, Panzer, Artilleriegeschütze, Schusswaffen, Kommunikationsmittel, verschiedene militärische Güter geliefert. An den Kampfhandlungen nahmen rund 5.000 sowjetische Militärspezialisten, darunter eine große Fliegereinheit, teil.

Nach dem Verzicht Tokios zu kapitulieren, trat unser Land, das seinen Verpflichtungen als Verbündeter nachkam, in den Krieg im Fernen Osten ein. Die sowjetischen Truppen zerschlugen in kurzer Zeit eine starke Gruppierung der japanischen Bodentruppen. Das nordöstliche China und Korea wurden von den Besatzern befreit.

Zehntausende sowjetische Soldaten opferten ihr Leben für die Freiheit und Unabhängigkeit Chinas. Wir freuen uns, dass Peking das Gedenken an unsere Mitbürger sorgsam bewahrt. Ein anschauliches Beispiel für die Kooperation im bereich Militärgedenken war die erste gemeinsame Suchexpedition in der Provinz Heilongjiang, die in diesem Jahr stattfand und bei der die Überreste von sowjetischen Soldaten entdeckt wurden.

Heute stoßen wir auf das offene Streben, die Geschichte des Krieges zu manipulieren, die Opfer und Henker gleichzustellen. Das alles beleidigt nicht nur unsere Völker, sondern bringt die Grundlagen einer gemeinsamen Weltordnung ins Wanken, die in der UN-Charte festgeschrieben sind. Deswegen ist es äußerst wichtig, dass unsere Staaten sich einig in dem Streben sind, auch weiter die historische Wahrheit entschlossen zu verteidigen, die Früchte des Sieges zu schützen. Es ist schwierig, in diesem Kontext die Bedeutung der Teilnahme des Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping, an den Jubiläumsveranstaltungen in Moskau sowie die Tatsache zu überschätzen, dass eine Einheit der Streitkräfte der Volksrepublik China während der Parade über den Roten Platz marschierte.

In der aktuellen, nicht einfachen internationalen Situation, die durch große Turbulenzen und die Zunahme der Krisenerscheinungen gekennzeichnet ist, dürfen die Lehren der Vergangenheit nicht vergessen werden, um irreversible Fehler in der Zukunft zu vermeiden. Das Schicksal der Welt kann nicht durch irgendeinen einzigen Staat bzw. eine kleine Gruppe von Ländern bestimmt werden. Die Bombenangriffe auf Jugoslawien, die Besetzung Iraks, das Chaos in Libyen, der Brüderkrieg in der Ukraine zeigen, zu welchen tragischen Folgen die Abkehr von dieser Wahrheit, das Streben, um jeden Preis die globale Dominanz aufrechtzuerhalten, die eigene Meinung, den Willen und Werte anderen Staaten aufzudrängen, führen.

Vor 70 Jahren haben die Teilnehmer der Anti-Hitler-Koalition es geschafft, die Ambitionen und Auseinandersetzungen hinter sich zu lassen, um sich zur Zerschlagung eines gemeinsamen Feindes und zur Vernichtung der verbrecherischen Ideologie zu vereinigen. Ein wichtiges Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen war die Schaffung der Organisation der Vereinten Nationen, deren 70. Jahrestag in diesem Jahr gefeiert wird.

Dieser Geist der Verbündeten und die Lehren des Zweiten Weltkriegs im ganzen bestätigen die Alternativlosigkeit einer kollektiven Arbeit im Interesse der Suche nach effektiven Antworten auf die vor der Weltgemeinschaft stehenden großen Bedrohungen. Sie zeigen, wie wertvoll eine gleichberechtigte, gegenseitig respektvolle Partnerschaft ist, die im Grunde das einzige Mittel zur Verhinderung neuer Konflikte ist.

Genau diese Philosophie liegt den russisch-chinesischen Beziehungen zugrunde, die gerade ihre beste Phase in der Geschichte erleben und sich konsequent weiter entwickeln. Sie stützen sich auf die aufrichtige Freundschaft und Sympathie unserer Völker füreinander, auf ihren gegenseitigen Respekt und ihr gegenseitiges Vertrauen, auf die Berücksichtigung der wichtigsten Interessen des anderen Staates, auf das beiderseitige Interesse am Gedeihen unserer Länder. Im Grunde handelt es sich dabei um zwischenstaatliche Beziehungen eines neuen Typs, um ein neues Kooperationsmodell für das 21. Jahrhundert.

Unser Zusammenwirken in der internationalen Arena hat sich als ein wichtiger Faktor der Aufrechterhaltung der internationalen und regionalen Sicherheit etabliert. Russland und China stehen auf gleichen oder ähnlichen Positionen zu den wichtigsten Problemen der Gegenwart und treten konsequent für die Entwicklung einer neuen polyzentrischen Weltordnung auf Basis der Völkerrechtsnormen, des Respekts für die Identität verschiedener Völker, für ihr Recht auf selbständige Wahl ihres Entwicklungswegs ein. Wir sind vehement dagegen, dass souveränen Staaten etwas aufgezwungen wird, etwa durch Gewaltanwendung, durch den Sanktionsdruck und unter Anwendung von Doppelstandards.

Wir koordinieren effizient unsere Aktivitäten in diversen multilateralen Organisationen, darunter im Rahmen der UNO, der G20 sowie der BRICS und der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), deren Gipfeltreffen im Juli in Ufa einen großen Erfolg hatten. Wir leisten einander gegenseitige Unterstützung.

Die immer engere gegenseitige Abhängigkeit angesichts der Globalisierungsbedingungen, die Entstehung von neuen Macht- und Einflusszentren verlangen neue kreative Vorgehensweisen zwecks Förderung des globalen Wirtschaftswachstums. Dieses Problem lässt sich nur gemeinsam lösen – im Sinne der Partnerschaft und des gegenseitigen Nutzens.

Die am 1. Januar dieses Jahres entstandene Eurasische Wirtschaftsunion hat das Ziel, sich als ein wichtiger Faktor der stabilen Wirtschaftsentwicklung ihrer Mitgliedsländer zu etablieren. Dabei stellen wir den eurasischen Integrationsprozess nicht anderen Integrationsprozessen gegenüber und sind bereit, an deren Vereinigung zu arbeiten und Brücken zwischen Europa und dem Asien-Pazifik-Raum zu bauen. Auch die von China initiierte Konzeption der Neuen Seidenstraße ist genauso konstruktiv. Die in diesen beiden Projekten verankerte gemeinsame Entwicklungsrichtung ist auf die Gestaltung eines einheitlichen Wirtschaftsraums ausgerichtet und bietet gute Möglichkeiten für eine Harmonisierung unserer Bemühungen.

Zu einem wichtigen Schritt in dieser Richtung wurde am 8. Mai in Moskau die Unterzeichnung einer russisch-chinesischen Gemeinsamen Erklärung über das Zusammenwirken beim Aufbau der Eurasischen Wirtschaftsunion und der Neuen Seidenstraße. Im Grunde handelt es sich um einen strategischen Kurs auf die gegenseitige Vervollkommnung dieser Initiativen, damit sie für alle Teilnehmer maximal nützlich sind. Wichtig ist dabei, dass wir im Rahmen dieser Arbeit den Prinzipien der Transparenz, des gegenseitigen Respekts, der Gleichberechtigung und der Offenheit für alle interessierten Seiten treu bleiben – sowohl in Asien als auch in Europa. Natürlich wird das ein langer Prozess sein, aber laut der chinesischen Weisheit »wird der Starke eine Hürde überwinden und der Weise den ganzen Weg«.

Eine wichtige Bedingung für die Entwicklung einer erfolgreichen Kooperation im Asien-Pazifik-Raum, dessen Rolle in der globalen Wirtschaft und Politik immer größer wird, ist die Förderung der regionalen Stabilität. Deshalb müssen in der Region zuverlässige Sicherheitsmechanismen entwickelt werden, die sich auf die Blockfreiheit stützen würden. Auf die Lösung dieser Aufgabe ist die im September 2010 ergriffene russisch-chinesische Initiative zur Sicherheit und Kooperation im Asien-Pazifik-Raum ausgerichtet. Unter Berücksichtigung der ihr zugrunde liegenden Prinzipien trat Russland neben China und Brunei für den Aufbau einer regionalen Architektur ein, die der aktuellen Realität entspricht. Diese Initiative wurde bei dem 8. Ostasiatischen Gipfel im Oktober 2013 befürwortet.

Wir sind entschlossen, gemeinsam mit unseren chinesischen Freunden auch weiterhin unser Bestes zu tun, um unser Zusammenwirken im Interesse des Gedeihens unserer Völker und im Interesse der Etablierung der Ideale der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung auf ein neues historisches Niveau zu bringen. Einer der wichtigsten Aspekte unseres Erfolgs ist der inhaltsreiche und vertrauensvolle gegenseitige Dialog auf höchster Ebene. Ich bin mir sicher, dass der für Anfang September geplante China-Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin unserer vielschichtigen strategischen Partnerschaft einen neuen Impuls verleihen und zur Umsetzung ihres unendlichen Potentials beitragen wird.jw

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