25. August 2015

»Sie macht den Menschen bis heute Mut«

Das Friedensvermächtnis der Käthe Kollwitz. Ein Gespräch mit Iris Berndt, der Direktorin des Berliner Käthe-Kollwitz-Museums Interview: Friedemann Schmidt Frau Berndt, als neue Direktorin haben Sie 2014 ein Museum übernommen, das vor fast 30 Jahren an einem ungewöhnlichen Ort entstand. Es ist wichtig, dass Berlin ein Museum für Käthe Kollwitz hat, die vielleicht die größte deutsche Künstlerin überhaupt war. Sie hat 52 Jahre in dieser Stadt gelebt und gearbeitet. Das heutige Museumsgebäude suchte vor 29 Jahren eine kulturelle Nutzung, und der Kunstsammler Hans Pels-Leusden schenkte dem Haus seine Kollwitz-Kunstsammlung. Damals, 1986, wurden auch das Literaturhaus und die Galerie Pels-Leusden/Villa Grisebach eröffnet. Das Kulturquartier in der Fasanenstraße entstand. Käthe Kollwitz, die in Berlin-Prenzlauer Berg lebte, in einer noblen Gegend? Da habe ich mal ein bisschen recherchiert und darüber vor einigen Monaten auch die Publikation »Käthe Kollwitz in Berlin« herausgebracht. Käthe Kollwitz hatte am Bahnhof Zoo in der Hardenbergstraße ihr Akademieatelier, und in der Kantstraße und am Kudamm fanden sich die Ausstellungsräume der Berliner Secession, wo Käthe Kollwitz bis 1913 jährlich ausgestellt hat. Und wer hier alles lebte … Ich denke, die Kollwitz ist eine Berliner Künstlerin und nicht auf den Prenzlauer Berg zu begrenzen. Bis zu Ihrem Amtsantritt haben Gudrun und Martin Fritsch zwischen Glimmer und Glanz des nahen Kudamms das Erbe der wichtigsten sozialkritischen Künstlerin des 20. Jahrhunderts hochgehalten. War das nicht schwer? Das war vor allem schwer, weil der Berliner Senat das Museum bis 2014 noch nicht institutionell förderte und alles aus Eintrittsgeldern und privater Finanzierung aufgebracht werden musste, von der Miete bis zum Bilderrahmen und dem Personal natürlich. Die beiden haben in dieser Zeit tolle Sonderausstellungen gemacht, waren übrigens nach dem Mauerfall auch offen für den Osten. Die umfangreichste Monographie, die Manfred Butzmann jemals bekommen hat, haben ihm 2007 Gudrun und Martin Fritsch gemacht. Frau Berndt, Sie sind in der DDR aufgewachsen, ist dort Ihr Kollwitz-Bild geprägt worden? Ich bin mit Käthe Kollwitz wie selbstverständlich aufgewachsen, in der schulischen Kunstbetrachtung mit einer Kunstlehrerin, der ich heute noch danke. Mit dem Otto-Nagel-Haus in Berlin, in dem proletarische und realistische Kunst nicht nur der Kollwitz im Osten ständig zu sehen war. Mit der großen Kollwitz-Ausstellung der Akademie der Künste 1987, da war ich 19 und wollte Kunstgeschichte studieren. Das waren vielfältige Anregungen, keine Fixbilder. Ist der häufige Vorwurf berechtigt, die DDR hätte die Kollwitz missbraucht? Ach wissen Sie, interessanter ist doch, warum jeder sein Kollwitz-Bild formte. Die antifaschistische DDR knüpfte an die politische Kollwitz an. Die alte BRD tat sich lange schwer mit einer Bestrafung der Nazitäter und mit linker Kunst. Da wurde eben die geniale Zeichnerin von Mutter, Kind und Tod stärker betont. Vorwürfe bringen uns nicht voran. Es gibt für mich nur eine Kollwitz, die wir viel zu wenig kennen. LPG-Genossenschaft Die offizielle Verlautbarung ist auch noch vom tatsächlichen Geschehen zu unterscheiden (betrifft übrigens auch unsere Gegenwart). Zwischen Schwarz und Weiß gibt es viele Nuancen, die alle Klischees brechen. Wie ist für Sie das Phänomen zu erklären, dass die Gesinnung der Kollwitz, das Engagement, ihre Friedenssehnsucht, quer durch alle politischen Schichten bis heute hohe Anerkennung finden? Sie wollte sich zwar politisch nicht binden, war aber doch auch den linken Parteien, der Arbeiterbewegung sehr nahe. Sie war eine nachdenkliche Frau, die sich mit ihrer künstlerischen Arbeit einbringen wollte. Daneben war sie Ehefrau eines Arztes, an dessen Patientenschicksalen sie Anteil nahm, hatte zwei Kinder und dazu eine weitverzweigte Familie mit viel konkreten Hilferufen. Sie pflegte jahrelang zu Hause ihre alzheimerkranke Mutter. Nach ihrer erschütternden Einsicht in die Sinnlosigkeit des Sterbens im Ersten Weltkrieg, war es ihr wichtig, helfen zu können. Unabhängig von der politischen Richtung. Das verstehen die Menschen, wenn sie bei uns im Museum sind. Sie betrachten nicht nur ihre Kunst, sondern können sich hier über Smartphone oder Audioguide aus ihren Tagebüchern und Briefen vorlesen lassen. Deutsch und englisch natürlich, denn zu uns kommen Menschen aus aller Welt. Sie sind gerade dabei, dies mehr zu erforschen und zu würdigen. Wir finden, dass die vielen nicht edierten Briefe von Käthe Kollwitz viel Nachdenkenswertes enthalten und ihre edierten Tagebücher und autobiographischen Schriften ergänzen. Eine neue Kollwitz-Biographie von Sonja und Yury Winterberg hat hier schon mal einen hervorragenden Eindruck gegeben. Einen Künstler nicht nur in seinem Werk zu betrachten, sondern auch alles erreichbare Quellenmaterial in seine Betrachtung einzubeziehen, ist unser Credo. Unsere inneren fast fotografischen Bilder über den Bauernkrieg, das Leid und die Proteste der schlesischen Weber verdanken wir bis heute der jungen Käthe Kollwitz. Woher hatte sie die Informationen und Eindrücke für diese Wucht ihrer künstlerischen Darstellung? Käthe Kollwitz wuchs in Königsberg nahe am Alten Hafen auf. Da wurden die Ziegelkähne entladen, da sah sie Arbeiter, und das fand sie interessant. Das hat sie ihr ganzes Leben nicht mehr losgelassen. Im Laufe der Zeit wurde ihr klar, dass hier eine neue Klasse entsteht, die sich ihre Rechte (Achtstundentag, Feiertage, ärztliche Betreuung, Urlaub) erst erkämpfen muss. Mitgefühl und Einfühlung in einer Zeit noch ohne elektronische Medien zeichnen die Kollwitz aus. Ob später im Prenzlauer Berg bei den Patienten ihres Mannes oder für die frühen Kämpfe von Bauern und Webern. Was ist für Sie das Vermächtnis der Kollwitz? Das Kriegsgeschrei auf der Welt ist heute wieder unüberhörbar. Die Kollwitz ist für mich ein Maßstab, sie ist vor den Problemen ihrer Zeit nicht geflüchtet. Das Ergebnis: Sie macht den Menschen, die zu uns ins Museum kommen, bis heute Mut. Das zeigen die zahlreichen Einträge ins Gästebuch, das zeigen Besucher, die nicht nach einer halben Stunde mit allem fertig sind, sondern anderthalb Stunden bei uns bleiben, Publikationen für die vertiefende Lektüre bei uns kaufen. Wenn aus dem Maßstab nicht nur ein stilles Dulden, sondern aktives Tun in der Gegenwart erwächst, das wäre doch gut. Zum Beispiel Hintergründe intensiv zu recherchieren, Medien abseits des Mainstream dafür zu nutzen und überhaupt genau zuzuhören, mit Freunden über Einsichten sprechen, nicht alles hinnehmen, selbst Mut machen. Sie wollen sich diesen Gegenwartsfragen in Ihrem Museum deutlicher stellen. Etwa mit einer Reihe »Im Dialog mit Käthe Kollwitz«. Die Kollwitz ist unsere Hauskünstlerin und unser wichtigstes Thema. Wir dialogisieren mit ihr, indem wir in unsere Ausstellungsräume gleichsam eine zweite Ebene einziehen. Das Besondere, die Dauerausstellung bleibt, und ihr gegenüber stehen junge Kunst oder auch Zeitgenossen der Kollwitz. Zur Zeit sind Werke der jungen niederländischen Bildhauerin Lotta Blokker zu sehen. Was knistert da in der Luft mit den Kollwitz-Werken?? Sieben fast lebensgroße Plastiken stehen teilweise auf dem Boden wie wirkliche Menschen und laden zum genauen Hinsehen ein: Lotta Blokker zeigt alte Menschen mit Ehrfurcht. Wir führten vor ihren Plastiken ein Gespräch über unausgesprochene Ängste. Dazu die Frage: Festhalten wie bei Kollwitz oder Loslassen wie bei Lotta? Und die nächsten Pläne? Ab 1. September, dem Weltfriedenstag/Antikriegstag, dialogisieren wir auch mit dem Pazifisten Ernst Friedrich. Ein Zeitgenosse von Käthe Kollwitz, der in Berlin vor der Nazizeit ein Antikriegsmuseum hatte und dort Käthe Kollwitz ausstellte. Die Friedensbibliothek-Antikriegsmuseum aus dem Berliner Haus der Demokratie leiht uns ihre Fotoausstellung über Ernst Friedrich und sein Museum und wir packen unsere Rechercheergebnisse dazu. Friedrich illustrierte seine Schriften mit ihren Werken. Sie war sehr einverstanden damit, denn sie wollte »wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind«. Käthe Kollwitz: Lebensstationen 1867: Käthe Kollwitz (geb. Schmidt) wird am 8. Juli in Königsberg (heute Kaliningrad) geboren 1885–1890: Studien bei Karl Stauffer-Bern (Berlin) und bei Ludwig Herterich (München) 1890: Erste Radierungen 1891: Heirat mit dem Arzt Karl Kollwitz, der sich in Berlins Stadtteil Prenzlauer Berg (am heutigen Kollwitzplatz) niederlässt 1892: Geburt des Sohnes Hans 1893: Besuch der Aufführung des Dramas »Die Weber« von Gerhart Hauptmann, die sie zu ihrer grafischen Folge »Ein Weberaufstand« anregt (1893–98) 1896: Geburt des Sohnes Peter 1898: »Ein Weberaufstand« wird in der Großen Berliner Kunstausstellung gezeigt 1898–1903: Lehrerin für etwa drei Jahre an der Künstlerinnenschule in Berlin 1902–1908: Radierfolge »Bauernkrieg« 1904: Aufenthalt in Paris; erlernt die Grundlagen plastischen Gestaltens an der Académie Julian 1907: Ein Jahr Aufenthalt in Florenz (Villa-Romana-Preis) 1910: Erste plastische Arbeiten 1914: Sohn Peter wird als Soldat in Flandern getötet (22./23. Oktober) 1917: Jubiläumsausstellung bei Paul Cassirer zum 50. Geburtstag in Berlin 1919: Mitglied der Akademie der Künste; erhält Professorentitel (ohne Lehrauftrag) 1920–1925: Entstehung vieler Plakate 1920: Erste Holzschnitte 1922/1923: Holzschnittfolge »Krieg« 1927: Reise nach Moskau 1928: Leitung des Meisterateliers für Grafik an der Akademie der Künste 1932: Einweihung des Kriegsmahnmals »Die Eltern« auf dem Militärfriedhof in Vladsloo, Flandern 1933: Wird gezwungen aus der Akademie auszutreten; verliert ihr Amt als Leiterin der Meisterklasse für Grafik 1934/1935: Lithografische Folge »Tod« entsteht 1936: Inoffizielles Ausstellungsverbot, Entfernung ihrer Werke aus öffentlichen Sammlungen; vorwiegende Beschäftigung mit Kleinplastiken 1940: Tod von Karl Kollwitz 1943/1944: Verlässt Berlin wegen zunehmender Luftangriffe; zunächst Unterkunft in Nordhausen, danach in Moritzburg bei Dresden 1945: Das Berliner Wohnhaus der Künstlerin wird durch Bomben vollständig zerstört 1945: Am 22. April stirbt Käthe Kollwitz 77jährig in Moritzburg Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Fasanenstr. 24, 109719 Berlin, Täglich 11–18 Uhr geöffnet. www.kaethe-kollwitz.de Veranstaltung am Weltfriedenstag: »›Opfern darf man nur sich selbst!‹ – Nie wieder Krieg. Käthe und Karl Kollwitz.« Ein Gespräch mit Grit Diaz de Arce (Gesang, Text), Gerd Schönfeld (Klavier, Text). Mit Eröffnung der Ausstellung »Im Dialog mit Käthe Kollwitz. Der Pazifist Ernst Friedrich«, Beginn: 19 Uhr (Eintritt frei) Ausstellungen: »Mehr als ein Leben«. Die neue Dauerausstellung »Im Dialog mit Käthe Kollwitz«. Die niederländische Bildhauerin Lotta Blokker (bis 1. November 2015) »Im Dialog mit Käthe Kollwitz. Der Pazifist Ernst Friedrich« (2. September 2015 bis 8. Januar 2016) jw

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