25. August 2015

Seniorenhaus wird wegsaniert


Justizminister Heiko Maas (SPD) besucht Berliner Rentner, die um ihre Wohnungen bangen. Tun kann er für sie angeblich nichts Von Johannes Supe In Christa Kaes’ Wohnung gibt es keine Waschmaschine. Brauchen könnte die 84jährige das Gerät schon. »Doch dafür hat es keinen Platz«, meint sie lakonisch. Auch ihre Dusche wäre ohne hohe Kante am Rand besser – die macht das Einsteigen so schwer. Aber gut, man könne auch so wohnen. Ohne Wasser werde das wohl schwieriger. Von 8 Uhr bis 17 Uhr soll das demnächst abgestellt werden. Wenn gebaut wird. So habe man ihr das per Brief mitgeteilt, sagt Christa Kaes. Die Seniorin fragt sich schon, wie sie dann auf die Toilette gehen soll. Sorgen hat sie auch im Hinblick auf die Zeit, wenn es wieder Wasser gibt. Ob es nach der Sanierung noch bei den 560 Euro bleibt, die sie für ihre 42,65-Quadratmeter-Wohnung in Berlin zahlen muss? Die Mieter des Hansa-Ufers 5 in Berlin-Moabit kämpfen seit etwa einem Jahr um ihre Wohnungen. Für deren Erhalt haben sie bereits mehr als 100.000 Unterschriften über das Internet zusammengetragen. Am Montag organisierten sie in ihrem Haus eine Diskussionsrunde zu Mietsteigerungen und Verdrängung, an der auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) teilnahm. Das Gebäude direkt an der Spree war in den 70er Jahren als Seniorenunterkunft errichtet worden. 2007 wurde es jedoch vom Berliner Bezirksamt Mitte an einen Privatinvestor, die Akelius GmbH, verkauft. Damals regierten SPD und Linkspartei in Berlin. Im Jahr 2014 kündigte das schwedische Unternehmen dann an, das Haus grundsanieren zu wollen. Auf dessen Dach sollen zudem Penthäuser entstehen. Zwei Jahre Baustelle Ihre Miete könne nach der Sanierung um bis zu 200 Euro im Monat steigen, befürchten die Senioren. Für viele von ihnen wäre das zuviel, sie müssten die Wohnung wechseln. Zwar habe Akelius schon in den letzten Jahren vermehrt an jüngere Leute vermietet. Doch es gebe noch den »alten Kern« aus 31 Senioren, von denen die meisten über 80 seien. Darunter vier Rollstuhlfahrer; zwei Bewohner seien bettlägerig, acht könnten sich nur mit dem Rollator bewegen. Unter den Alten habe sich eine Gemeinschaft herausgebildet. Es werde munter geplaudert, im Gemeinschaftsraum treffe man sich regelmäßig. »Wir möchten hier zusammen bleiben, wir kümmern uns umeinander«, sagt eine Mieterin. Gravierende Probleme kann Ralf Spann nicht erkennen. Der Akelius-Regionalleiter befindet sich ebenfalls im dichtgedrängten Publikum der Runde. Er beschwichtigt: »Wir werden Härtefälle berücksichtigen.« Für die meisten der Senioren solle die Miete lediglich um 20 Euro steigen. Auch der Gemeinschaftsraum solle weiter erhalten bleiben. Den wollte das Unternehmen zunächst in die Waschküche verlagern, woraufhin die Senioren energisch protestierten. Deren Vorschläge würden also aufgenommen – »soweit sie realistisch sind«. »Das ist genau der Punkt. Was ›realistisch ist‹, entscheiden sie. Aus Investorsicht«, sagt Eva-Maria Kaes, Tochter von Christa Kaes. Es solle endlich Gespräche auf Augenhöhe geben. Einer der Senioren Publikum merkt an, dass man noch immer keine genauen Angaben habe, wann saniert werden solle. Innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahre, heißt es von seiten Akelius. Dann sollen auch weitere Bauarbeiten beginnen, insgesamt zwei Jahre werden die brauchen. Man wolle nicht auf einer Baustelle leben, halten die Mieter dagegen. Dann sei es mit dem Altern in Ruhe vorbei. Im Verlauf der Debatte meint Spann, es gebe Sachen, die könnten nicht »Thema der Abstimmung sein«. Und danach, leiser, zu einem weiteren Akelius-Mitarbeiter gewandt: »Wir sind hier durch.« Maas: »Das wird dauern« Als die Bewohner fordern, Akelius solle Seniorenhäuser statt Lofts bauen, schweigt Spann. Als vorgeschlagen wird, Akelius könnte das Gebäude doch wieder an das Land Berlin verkaufen, äußert sich Spann nicht. Erst auf Nachfrage von jW sagt er, es habe noch keine ernsthafte Anfrage des Landes Berlin gegeben. Man habe sich nicht mit einem etwaigen Verkauf beschäftigt. In dem Verhalten sieht Heiko Maas »Gesprächsbereitschaft«. Er hat seine Hände in den Schoß gelegt, zusammengefaltet, spricht nur wenig. Ob es nicht Wohnungen gebe, fragt er eingangs, wo »sie froh sind, dass was gemacht wird«? Die Bundesregierung wolle in dieser Legislatur neue Regeln für das Umlegen der Sanierungskosten auf die Mieter einführen. Dazu werde es einen runden Tisch mit dem Mieterverein und Immobilienvertretern geben. »Das wird noch eine Zeit dauern«, sagt Maas. Dass das den Bewohnern des Hansa-Ufers 5 noch zugute kommt, bezweifelt er. Den Senioren rät Maas, weiter auf Gespräche zu setzen. Auf den Interessenausgleich. Es sei ja verständlich, dass ein Eigentümer von einer Sanierung profitieren wolle. Bei den Worten nickt ihm Ralf Spann zu. Einem runden Tisch mit Akelius wären die Senioren nicht abgeneigt. Doch an dem solle auch eine Vertretung des Berliner Senats sitzen. »Es kann ja nicht sein, dass die Politik Fehler macht und sich dann rausredet und sagt: ›Nun habt ihr Pech gehabt!‹«, sagt Eva-Maria Kaes. Bei dem Verkauf des Hansa-Ufers 5 habe das Bezirksamt Schutzbestimmungen für die alten Mieter versprochen. Laut Akelius sind die aber nicht schriftlich festgehalten worden. Die Verträge sind nie offengelegt worden. Ändern könne man die auch nicht mehr, meint Jochen Lang, zuständig für das Wohnungswesen in Berlin. »Und innerhalb unserer Rechtsordnung kann man nur zurückkaufen, was jemand verkaufen will.« Wie zufrieden sind die Mieter des Mehrstockhauses an der Spree mit den Aussagen von Politik und Unternehmern? Es wäre ja schon alles gar nicht so schlecht, die Mieterhöhung von nur 20 Euro und der Erhalt des Gemeinschaftsraums, meint Christa Kaes. »Wenn es denn stimmt.« Sie zweifelt, denn in der Vergangenheit sei Akelius ihnen gegenüber nie offen gewesen. Eine weitere Bewohnerin legt nach. Hätte man nicht über ein Jahr rebelliert, Unterschriften gesammelt und die Öffentlichkeit informiert, dann würde sich gar nichts bewegen. jw

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