24. August 2015

Merkel kommt ins Krisengebiet

ßRuhrgebiet droht vollends abgehängt zu werden. Medien starten vor Besuch der Kanzlerin Kampagne gegen Duisburger Stadtteil Marxloh Von Markus Bernhardt/Duisburg Seit Wochen vergeht kaum ein Tag, an dem die Presse nicht Stimmung gegen die Bewohner des Duisburger Stadtteils Marxloh macht. Folgte man den vielen Medienbeiträgen, müsste man fast davon ausgehen, dass sich inmitten des Ruhrgebiets slumähnliche Zustände etabliert haben. Mal wird über kriminelle Migrantengangs, mal über Bildungs- und Integrationsverweigerer berichtet. Entweder werden Schlagzeilen produziert zu nichtdeutschen Familienclans, oder im speziellen zu Roma-Großfamilien. Opfer sind immer Polizeibeamte, die sich ob der vielen Kriminellen kaum mehr auf Streife trauen würden. Probleme in Marxloh sind seit Jahren bekannt. Die Ursachen dafür liegen aber nicht bei den Migranten, deren Zahl dort auch dem Durchschnitt im Ruhrgebiet entspricht. Der Grund liegt vielmehr darin, dass die Bevölkerung von der etablierten Politik schon vor Jahren abgeschrieben worden ist. Finanzielle Hilfe für die Menschen, Investitionen in Bildung und andere Unterstützung gibt es seitens der Kommune kaum. Oberbürgermeister Sören Link (SPD), der als politischer Ziehsohn des nordrhein-westfälischen Landesinnenministers Ralf Jäger (ebenfalls SPD) gilt, fällt selbst, genauso wie sein Sozialdezernent Reinhold Spaniel (ebenfalls SPD), seit geraumer Zeit durch markige Sprüche auf, die sich gegen Nichtdeutsche richten. Konkrete Angebote für die Bewohner hingegen? Fehlanzeige! Über 10.000 Menschen sind in Duisburg ohne Krankenversicherung. Ehrenamtliche, die sich in der Gesundheitssprechstunde des Sozialpastoralen Zentrums Petershof engagieren, werden alleingelassen. Medizinische Gerätschaften und Medikamente wurden von ihnen über Spenden finanziert. Die unentgeltlich arbeitenden Ärzte und Krankenschwestern verhindern in vielen Fällen Schlimmeres. Nicht wenige Menschen, darunter auch Notfälle, sind Berichten zufolge von den Krankenhäusern der Stadt abgewiesen worden. sommerkrimiabo Anfang Juni hatte der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel den Petershof besucht. Er wolle schnelle Lösungen erarbeiten, versprach er damals. Passiert ist jedoch bisher nichts. Die SPD scheint nicht nur einen eigenen Kanzlerkandidaten, sondern auch ihre frühere »Herzkammer« abgeschrieben zu haben. Außer warmen Worte dürfte auch Kanzlerin Angela Merkel wenig Konkretes mit im Gepäck haben, wenn sie sich am Dienstag in den »Problembezirk« begibt. Für die vielen sozial Deklassierten, die Ausgegrenzten, die Migranten, wird sich auch nach dem Besuch der Regierungschefin nichts ändern. Sie werden bestenfalls als Staffage für Merkel benötigt, die sich vor den Kameras als »Kümmerin« inszenieren kann. Perfide. Die problematische soziale Lage in Duisburg ist kein Einzelfall. Im gesamten Ruhrgebiet dreht sich die Armutsspirale. Vor allem Kinder und ältere Menschen leiden darunter schwer. Widerstand dagegen ist kaum wahrnehmbar. Einzig der Paritätische Wohlfahrtsverband, Linkspartei und DKP versuchen, ihn zu organisieren. Viele soziale Initiativen betätigen sich als eine Art Feuerwehr. Nicht aus Langeweile, nicht, weil sie es nicht besser wüssten oder weil sie Politik unnötig fänden. Sondern weil ihnen die realen Zustände keine andere Wahl mehr lassen. Was die Menschen im Ruhrgebiet jetzt brauchen, sind Investitionen in ihre Zukunft, Hilfestellung und Akzeptanz. Auf schlechte PR-Gags wie den Merkel-Besuch oder den anderer Politiker können sie getrost verzichten. Das sozialpastorale Zentrum Petershof Der Petershof als Sozialpastorales Zentrum liegt mitten in Marxloh im Norden Duisburgs. Der Stadtteil ist gekennzeichnet durch enorme Umbrüche und große soziale Verwerfungen. »Die Einrichtung des Sozialpastoralen Zentrums im September 2012 ist eine Reaktion auf diese Herausforderungen im Kontext einer sich ebenfalls gerade wandelnden Kirche, die sich im Duisburger Norden immer weiter zurückzieht«, heißt es auf der Internetseite der Einrichtung. Pater Oliver Potschien, der das Zentrum leitet und gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen auch die wöchentliche kostenlose Gesundheitssprechstunde anbietet, hatte bereits im Mai gegenüber junge Welt davor gewarnt, dass der Stadtteil in eine »humanitäre Katastrophe schlittern« würde. Unentwegt versuchen er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Armen und Kranken weiterzuhelfen. Die beiden zentralen Begriffe »sozial« und »pastoral« beschreiben, wie im Petershof, wie das Zentrum in Anlehnung an seinen Standort an der Sankt-Peter-Kirche heißt, gearbeitet wird. Laut Selbstdarstellung soll der Petershof »an einem konkreten Ort, nämlich rund um die Kirche, vor allem soziale Hilfsangebote bündeln und durchführen, unterschiedliche Träger vernetzen und Nachbarschaftlichkeit im Stadtteil mit den verschiedenen Akteuren zum gegenseitigen Nutzen verankern helfen". Mittlerweile nehmen den Angaben zufolge täglich deutlich über 100 Menschen die verschiedenen Angebote in Anspruch. Das reicht von der Gesundheitssprechstunde über die Lebensmittelausgabe, Deutschkurse, Sozialberatung bis hin zu Jugendgruppen und Netzwerktreffen. (bern) jw

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