26. August 2015

»Laptops im Klassenzimmer haben ein großes Ablenkungspotential«


Ein Kinderarzt plädiert dafür, Schüler unter acht Jahren von den neuen Medien fernzuhalten. Ein Gespräch mit Till Reckert
Interview: Ralf Wurzbacher

Der Gebrauch der neuen Medien durch Kinder im Grundschulalter wird immer mehr zur Normalität. Selbst Vorschulkinder hantieren heutzutage bereits mit Smartphones und Tablets. Welche Auswirkungen hat das aus Ihrer Sicht?

Ein fünfjähriges, gut entwickeltes Kind kann auf einem Bein stehen oder hüpfen und gleichzeitig ein Stofftier hin- und herwerfen. Es kann einen Stift zwischen den Fingerspitzen drehen und einen Menschen malen. Kein Tier lernt so etwas. Kinder entwickeln sich gut, wenn sie in einer herausfordernden Umgebung »baden«. Dort lernen sie die Welt mit sich selbst und ihren Gefühlen kennen, lernen Ausdauer und Frustrationstoleranz. Medienkinder können von alldem eher weniger.

Sie meinen also, Entwicklungsdefizite lassen sich auf möglicherweise verfrühten und übermäßigen Medienkonsum zurückführen?

Laut Langzeitstudien führt Bildschirmmedienkonsum zu späteren Schulproblemen. Auch Mäuse werden nach einer audiovisuellen Überstimulation hibbeliger und lernunfähiger. Einen der an diesen Untersuchungen beteiligten Wissenschaftler aus Seattle fragte ich nach seinen eigenen Kindern: Er begrenzt ihre Medienzeit und schickt sie zur Waldorfschule.

»Neue Medien« gab es in der Menschheitsgeschichte schon immer, etwa den Buchdruck, das Radio, das Telefon, das Fernsehen, und stets wurde ihr Erscheinen kritisch begleitet. Wo sehen Sie die besondere Herausforderung der Bildschirmmedien für die menschliche, insbesondere kindliche Psyche?

»Die Vertrautheit der Nachbarschaft ist zerschlagen worden durch das Wachstum eines komplizierten Netzes von weit entfernten Kontakten«, sagte der Soziologe Charles Horton Cooley 1912 über das Telefon. Und 2014 ruft Gary Turk der »Generation Kopf-unten über Youtube« zu: »Look up!«

Ein professioneller Geschichtenerzähler zelebriert seine Geschichte auswendig und ist ganz bei den Kindern. Es gehört zur Berufsehre z. B. einer Waldorferzieherin, das zu können: Sie hat 22 Rabauken um sich herum versammelt, die ihr mit offenen Ohren, Augen und Mündern zuhören. Aber vorlesen ist auch gut: Kinder schaffen sich individuelle Phantasiebilder. Ein Film wird in der Traumfabrik Hollywood produziert und uniform »transplantiert«. Medienpädagogik beschäftigt sich damit, welche Filme und Bilder wann geeignet sind. Transplantate machen umso kränker, je ungeeigneter sie sind.

Es gibt Experten und immer mehr Eltern, die glauben, sie täten dem Nachwuchs etwas Gutes, wenn man ihn nur früh genug auf die neue Medienwelt vorbereitet. Leute wie Sie gelten dagegen als fortschrittsfeindlich …

Man muss von den Kindern aus denken und nicht von einem zukünftigen Zweck, den sie einmal erfüllen sollen. Wir sollten ihnen eine gesunde Zukunft offenhalten. Das wäre fortschrittlich. Es gibt auch den Fortschritt der Lemminge.

Bildungspolitisch gilt es als Manko, dass deutsche Schulen in Sachen neue Medien nicht »up to date« sind. Wie sehen Sie das?

Das beste Medium mit dem größten Begeisterungspotential ist der Lehrer selber. Er bringt die Welt in den Klassenraum. Er sollte so unterrichten, dass auch er sich wohlfühlt. Dabei sollte er gesellschaftlich unterstützt werden. Allgemeine Bildung wird durch neue Medien schlechter unterstützt, als man sich erhofft hatte. Laptops im Klassenzimmer haben ein großes Ablenkungspotential und sind störanfällig. Nichts ist weniger sexy als ein teilweise funktionierender, veralteter Schülerlaptop. Ich wünsche jedoch heutigen Oberstufenschülern, dass sie allgemeine Prinzipien der digitalen Welt verstehen und in ihrer gesellschaftlichen Relevanz einordnen können. Hierbei helfen einzelne technikbegeisterte Lehrer mit einem wachen Gegenwartsinteresse.

Ab welchem Alter sind in Ihren Augen Kinder und Jugendliche »reif« für die neuen Medien?

Wenn sie beginnen, sich von der Welt zu distanzieren: Ab acht bis zehn Jahren sind Kinder kritikfähig genug. Aber auch dann sollten sie zeitlich und inhaltlich dosiert in diese Welt hineinbegleitet werden. Einem Kindergartenkind »kritische Medienkompetenz« beibringen zu wollen, ist lebensferner Bildungskitsch. Da wäre Elternarbeit wichtiger.jw

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